Mittwoch, 22. April 2015

Jutta Soyka – Fantasie-Welten: Ordnung und Schmuck










Jutta Soyka – Fantasie-Welten:  Ordnung und Schmuck


Vielleicht kennen Sie das – noch? Oder erinnern sich jedenfalls?
Der Fleck an der Wand, die besonders gemaserte Stelle im Holz, der Schatten des Astes – mit etwas Fantasie kann man darin Figuren oder Gesichter oder Tiere sehen.
Besonders Kinderzimmer sind Orte, an denen sich solche Gestalten wohl fühlen; fantastischer Weise mit Leben erfüllt, lachen sie manchmal freundlich, ein andermal grinsen sie schräg – oder sie können auch weise, heimatliche Tröster sein. Geheimnisvolle alte Bekannte, die schwuppdiwupp durch einen neuen Anstrich oder den Austausch des Möbelstücks vernichtet werden können. Wie schade!

Jutta Soyka, Designerin, unter anderem Kinderbuch-Illustratorin, hat solche fantastischen Verwandlungen nicht vergessen, im Gegenteil, sie arbeitet genau so:
Die frische und engagierte Fantasie der Kinder hat sie sich künstlerisch zu eigen gemacht. Auf kleinen Formaten verleiht sie Farbflecken Lebendigkeit. Grundlagen, Grundformen, zum Beispiel durch Monotypie oder Aquarell entstanden, oder als Fundstücke ausgeschnitten oder ausgerissen, bearbeitet sie mit spitzem Farbstift, holt Details heraus, gibt ihnen Plastizität.
Mit feinsten Tusche-Linien grenzt sie ihre Gestalten von der Umgebung, vom Hintergrund ab, gibt ihnen Raum. Und bringt sie in ein Gefüge, eine Partitur – in Bewegung.
„Ich liebe Strukturen“, sagt sie dazu. „Es ist so: Das Leben geht weiter“ könnte man da herausdeuten – ein Spruch, den man hauptsächlich dann hört, wenn es gerade einen schlagartigen Einbruch im Leben gegeben hat.
Jutta Soyka sagt ihn allerdings mitten in der Normalität. In ihren gemalten Strukturen definiert sie nämlich oft keinen Anfang und kein Ende: Der Moment, in dem wir gerade leben, ist ein herangezoomter Ausschnitt aus dem Geflecht des Lebens, einer Symbiose – der Natur und der Gesellschaft.

Dazu passt, dass kürzlich – in einem Gespräch auf einer Künstler-Tagung – eine Kollegin die These aufstellte, der Mensch der Gegenwart brauche das Ornament.
In dem Zusammenhang ist es vielleicht interessant zu erfahren, dass das griechische Wort Kosmos sowohl mit „Ordnung“ als auch mit „Schmuck“ übersetzt werden kann.
Tatsächlich kann eine ornamentale Wiederholung des Gleichen oder Ähnlichen ordnend, unterstützend wirken wie ein angenehmes und schönes Geländer.
Vorhin fiel schon der Begriff Partitur: Wir alle wissen, wie sehr uns Musikstücke, insbesondere Lieder und Songs mit ihrer übersichtlichen Struktur, den Alltag „ausschmücken“ können: Wir ahnen ein Stück Kosmos.

Eine lebendige Ordnung, eine stille Lebhaftigkeit, von der wir uns gern anstecken lassen, fröhliche Farben, die uns heiter stimmen – alles das lässt sich gut mit frühlingshaftem Aufbruch, Aufblühen, Ärmel-Aufkrempeln verbinden. So, als wären wir selbst eben noch ein schlafender Farbfleck gewesen, aus dem nun Hände, Füße, Augen, Ohren, Münder wachsen, die Lust haben, (wieder) aktiv zu werden.

Es ist nicht nur die farbenfrohe Klarheit, die hier wirkt, sondern deutlich auch Jutta Soykas Spiel mit dem Experiment, das diese heitere Lebhaftigkeit ausstrahlt:
Mit dem künstlerischen Repertoire ihres Designstudiums vermag sie hervorragend zu improvisieren. Da wird geschnitten, gelocht, geheftet, genäht, geknittert und gedreht, gezeichnet, gemalt, gedruckt, immer mit dem künstlerischen Anspruch, bei aller Zufälligkeit und Spontaneität zu einem stimmigen, fertigen Ergebnis zu gelangen.
Was nicht ohne künstlerische Handlung geht, was bedeutet, immer wieder eine Auswahl zu treffen und Akzente zu setzen. Was man wachsen lässt, braucht Raum. Auch ein schöner Garten ist komponiert.

Wenn Jutta Soyka erzählt, dass sie die winzigen Fundstücke, feinste Fäden oder Papierfetzen, durchaus auch mit der Pinzette aufs Bild bringt, denke ich an den Botaniker, der seltenes und kostbares Saatgut sortiert, um es später zur Keimung zu bringen – beide interessieren sich also für Winziges, für Details, anstatt sie in der Welt der Massenproduktion untergehen zu lassen.
Und es ist doch wirklich ein Glück, dass wir das alle noch können –
jetzt in der Zeit um Ostern – wenn der Frühling „aufersteht“:

Da entdecken und betrachten wir eben auch Kleines, scheinbar Unbedeutendes und erfreuen uns daran.
Auch wenn wir botanisch nicht so „drauf“ sind, fallen uns die Primeln auf oder die Mandelbäume – und jedenfalls nehmen wir wahr, dass die Landschaft um uns plötzlich jeden Tag irgendwie neu und anders aussieht.



Man kann sich gut vorstellen, dass Jutta Soyka in ihren Kunstkursen Erwachsene und Kinder be-geistern kann – und, umgekehrt, sich von ihnen Tag für Tag inspirieren lässt.

Die Künstlerin, Jahrgang 1955, stammt aus Aschaffenburg, studierte in Würzburg und Essen Grafikdesign und Visuelle Kommunikation, arbeitete als Illustratorin und mit Illustratoren zusammen.
Sie unterrichtet seit gut 20 Jahren Kinder und Erwachsene an Volkshochschulen, Museen und anderen Orten, an denen Kunstkurse stattfinden.






Marlies Blauth


















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