Freitag, 4. September 2020

J. Talkenberg, M. Blauth | Arbeiten zum Tee – Einführung von Laura Flöter






Juliane Talkenberg 



Kurzeinführung „Spätsommer-Vielfalt. Arbeiten zum Tee“

 

Marlies Blauth muss ich Ihnen vermutlich nicht mehr vorstellen. Ihr Studium von Kunst und Biologie in Wuppertal, u. a. bei Anna Oppermann, hat sie Ende der 1980er um den Aspekt des Kommunikationsdesigns erweitert und ihren solchermaßen differenzierten und interdisziplinär fundierten Zugang zur Kunst auch im Rahmen ihrer über zwanzigjährigen Dozentinnentätigkeit vermittelt. Ihr künstlerisches Schaffen ist zudem begleitet von einer andauernden Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland; seit Mitte der Nuller-Jahre ist sie darüber hinaus auch literarisch tätig, insbesondere im Bereich von Lyrik und Kurzprosa. Neben verschiedenen anderen Publikationen hat sie inzwischen zwei eigene Lyrikbände veröffentlicht.

Seit 2003 bereits Organisatorin von Kunst in der Apsis, ist sie heute sozusagen auch künstlerisch Gastgeberin. Gemeinsam mit Juliane Talkenberg, die ich Ihnen gleich noch vorstellen darf, präsentiert sie uns „Arbeiten zum Tee“ – eine Ausstellung, die um das Spiel von Materialität und Struktur, von Zufall und Assoziation kreist und uns einen Gegenstand, den wir aus dem Alltag längst zu kennen glauben, neu vorstellt. Zugleich klingen darin Untertöne des Besinnens auf des Wesentliche an.

Die Grundform, die in vielen der gezeigten Arbeiten aufscheint, ist von einem Gebrauchsgegenstand vorgegeben – einem Teebeutel. In der künstlerischen Aufbereitung jedoch löst Marlies Blauth ihn aus der gedanklichen Zuordnung seiner Zweckbestimmung, und plötzlich gemahnt er an botanisches Sammelmaterial – an Blütenblätter oder Schmetterlingsflügel, wie wir sie aus naturkundlichen Werken oder Sammlungen kennen. Darin scheint Marlies‘ fachlicher Hintergrund auf, und von dort aus nimmt alles seinen weiteren Verlauf: Natur und Natürlichkeit ist ein zweiter Themenschwerpunkt dieser Ausstellung.

 

 


Marlies Blauth

In der Serie florale Ornamente nehmen die Teeblätter so fast die Erscheinung von Klatschmohnblüten an. Die Sepia-Töne, die die Farbstoffe des Tees am Material hinterlassen haben, muten herbstlich an, wecken die bittersüße Nostalgie eines zur Neige gehenden Sommers und rufen Gedanken an das Verfallen, Vergehen und Verblühen auf, das ewige Widerspiel von Entstehen und Vergehen, das der Jahreszyklus beschreibt. Die klare Komposition der Arbeiten erinnert an einen Holzschnitt und ist somit Anknüpfung an andere Techniken der Künstlerin. Diese architektonisch-artifizielle Gefügtheit aber steht im Kontrast zum Organischen des Materials und der Zufälligkeit, mit der das Farbenspiel durch das Aufbrühen entstanden ist. Die Zerbrechlichkeit des Teebeutels, dessen Gewebe an Blütenblätter erinnert, steht im Kontrast zur Regelhaftigkeit der Anordnung. Ein Grundgedanke dieser Serie.

Er setzt sich in den Herbarien logisch fort. Hier aber erwecken ergänzende, vor allem graphische Techniken die quasi-geometrische Form des Teebeutels zum Leben: suchende Linien regen die Vorstellung an, Umriss-Linien definieren den Gedanken. Die Lebendigkeit des Materials greift auf die Gestaltung über. Auch die Punkte – Kleckse? – die Sie entdecken können, vermitteln diesen Eindruck – sind die Teebeutel noch feucht bearbeitet worden, dass die festen Linien sich auflösen? Der Zufall hat in die Bilder eingegriffen und eröffnet ein evokatives Potential, dieser spielerisch-leichten Herangehensweise.

Das Wasser wird so zum Gestaltungsmittel, vorher und nachher: Einerseits färbt es die Beutel durch Lösen der Inhaltsstoffen aus dem eigentlichen Tee. Zugleich wird es zum Trägermedium bei der Transformation vom Abfall- zum künstlerischen Material. Das Wasser als das lebensspendende Element der Natur wird so zugleich zur Bedingung der künstlerischen Gestaltung.

Auch ist es ein verbindendes Element der beiden künstlerischen Positionen, die sich in dieser Ausstellung begegnen.

 

Juliane Talkenberg hat in den 1970er Jahren u. a bei Beuys und Richter studiert und bis 2014 auch unterrichtet. Schon Mitte der 1980er aber hat sie ihr fachliches Spektrum von Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik um einen kunsttherapeutischen Aspekt erweitert. Ihre künstlerische Arbeit ist seither stets von Ausstellungstätigkeit begleitet, vor allem im Rheinland, aber auch darüber hinaus, und so im ständigen Dialog mit der Öffentlichkeit. Dem Ausstellungsthema gemäß ist der Teebeutel auch ihr gedanklicher Ausgangspunkt und das Wasser eine ästhetische Bedingung ihres gestalterischen Ausdrucks, doch in einem ganz eigenen Sinne. Die Idee, den gestalterischen Möglichkeiten von Tee künstlerisch nachzuspüren, stammt im übrigen ursprünglich von ihr.

Ihre malerischen Arbeiten, insbesondere die Serie Blütentänze, führen uns vor abstrakte Farbwolken, die floral anmuten. Ihre duftig-pastelligen Strukturen sind stark bewegt: Wirbel und Strudel schaffen Räumlichkeit und scheiden das eine vom anderen, den Vordergrund vom Hintergrund und dem Dazwischen. So entsteht der Eindruck von Landschaft – ob am Himmel in Wolken zu erblicken, ob als weites Land, durch das wilde Stürme streifen, das bleibt uns überlassen. In jedem Fall ist das Ergebnis dieser Bewegtheit ein lebendiges Auf und Ab, das in seinem Eindruck fließendem Wasser nahekommt – oder den Schlieren, die aufgebrühter Tee beim Ziehen in das heiße Wasser abgibt. Juliane Talkenberg hat diesem Vorgang nämlich in filmischen Experimenten nachgespürt. Die genannten Arbeiten als Zeugnisse dieser Auseinandersetzung illustrieren demgemäß ein elementares Moment des Lebens in konzentrierter Form: Das (Tee-)Wasser entfaltet in dieser Serie sein ganzes schöpferisches Potential: Bewegung nimmt Gestalt und Farbe an.




Juliane Talkenberg 

Die Objekte, die Sie neben malerischen und grafischen Arbeiten sehen können – Couture aus Tee! nehmen daneben sicherlich eine Sonderstellung ein, verfolgen diesen Gedanken aber auf anderer Ebene weiter. Das feine, duftige Gewebe von Teebeutel erinnert an Seide – ebenfalls in seiner Ursprungsform ein Naturprodukt. Wie das Material selbst treten die Arbeiten schlicht und bescheiden auf, bergen aber ein großes assoziatives Potential. Denn der Tee ist – wie das Wasser im Übrigen auch – von hoher spiritueller Bedeutung:
Auf der ganzen Welt haben sich eine eigene Tee-Kulturen entwickelt, besonders bekannt sicherlich die englische oder die fernöstliche Tradition. Die gepflegten Tee-Kulturen sind Ausdruck komplexer Haltungen – Weltanschauungen auch spiritueller Art. Gastfreundschaft, Innehalten und Besinnen auf den Augenblick, aber auch Gesundheit und die Verbundenheit des Menschen mit der Natur, die ihn umgibt, klingen hier mit an. Der Titel eines der Stücke – Taufkleid – erwidert diesen spirituellen Anklang. Wie passend, solche Arbeiten in einer Kirche zu zeigen.
In Juliane Talkenbergs Graphiken schließlich entfalten die Teebeutel und ihre individuellen Färbungen als Produkte des Wassers ihr volles gestalterisches Potential. Diese Arbeiten sind die kleinsten, die Sie in dieser Ausstellung finden werden. Treten Sie näher und schauen Sie genau hin; ich darf Sie Ihnen auch aus diesem Grund ans Herz legen – auch, aber nicht nur.  In Mischtechniken wie der Arbeit (baum-ich) werden die Brühschlieren zum abstrakten, aber überraschend bewegten Hintergrund. Die Klecksographien als ausformulierte Produkte des Zufalls führen diesen Gedanken fort: (scheinbar) zufällig entstandene Strukturen regen die künstlerische Vorstellung an, aber auch die bewusste Wahrnehmung, und entlassen uns in ein freies Phantasiespiel, das unendlich fortsetzbar ist, unerschöpflich und immer wieder neu. Phantastisch anmutende Landschaften, die die Traum-Architektur unterbewusster Vorstellungen illustrieren, ergänzen das graphische Werk. Die unmittelbar-assoziative Herangehensweise an das Material eröffnet uns einen direkten, emotional geprägten Zugang, der sich in der Motivik spiegelt: Oft geht es um Beziehung – zwischen Menschen oder zwischen Mensch und Natur. Als Grundthema der Malerei der Romantik ein Sujet mit langer Tradition, kehrt es in den Natur-Bildern „zum Tee“ mit aktuellen Bezügen zu uns zurück: ob Klima oder Corona, selten gab es eine Phase in der Menschheits-Geschichte, in der eine Krise uns erlaubte, die Bedeutung dieser Themen für uns persönlich gründlicher zu bedenken.



Juliane Talkenberg 


Erneut sind es, neben der Natur, die Themenkreise der Einfachheit und der Besinnung, die sich uns als Kerngedanken der Ausstellung präsentieren, und die uns im Tee als Gebrauchsgegenstand des Alltags, als Ausgangspunkt dieser Ausstellung und zugleich als Kulturgut entgegentreten. Die Kirche als Kulminationspunkt spiritueller Empfindungen vermag dem einen passenden Rahmen zu geben. Das Erntedankfest, dem wir bereits entgegenblicken, ist die passende liturgische Entsprechung.
Marlies Blauth und Juliane Talkenberg – beiden Positionen ist gemein, dass sie das Alltägliche, den Teebeutel, vom Abfallprodukt zum Kunstprodukt machen, indem sie die Aufmerksamkeit ihrer künstlerischen Auseinandersetzung auf die motivische, materielle und kulturelle Verfasstheit ihres Gegenstands richten. In neuen Zusammenhängen gedacht lädt die Ausstellung uns also ein, einen Schritt zurückzutreten und im scheinbar Banalen das Besondere (wieder) zu entdecken. Nicht nur, aber vor allem in einer Zeit der Einschränkung und Begrenzung, wie wir sie augenblicklich erleben, kann dieses Gedankenspiel uns ein Stück genau der Freiheit und Heiterkeit zurückgeben, die der Alltag mit Corona uns zum Teil mitunter wohl schmerzlich vermissen lässt. Dies ist auch – aber nicht nur – Aufgabe von Kunst. In diesem Sinne möchte ich Sie einladen, näherzutreten und die Einladung anzunehmen, die sie uns ausspricht. Dankeschön.















Montag, 24. August 2020

Juliane Talkenberg, Marlies Blauth – Spätsommer-Vielfalt | Arbeiten zum Tee







Juliane Talkenberg, Marlies Blauth





Kirchraum mit Arbeiten von Juliane Talkenberg





Arbeiten zum Tee:
Übermalte Teebeutel/-Teefilter
Objekte aus Teebeutel-Material
Gemalte Beobachtung: „Tanzen“ des Tees beim Aufbrühen
Teebeutel-Collagen













Fotos: Marlies Blauth, Jochen Petzold









Sonntag, 28. Juni 2020

Silja Meier, Gisela Fritze | Sommer-Aquarelle – Einführung von Marlies Blauth










Silja Meier, Schattenspender Wald









Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zu unserer Ausstellung mit einem Gedicht von Christian Morgenstern:




Farbenglück

Ist nicht dies das höchste Farbenglück:
Birkenlaub in Himmelblau gewirkt?
Doch schon winkt ein graublau Felsenstück,
dunklen Epheus* sprunghaft überzirkt.
Und schon sinkt mein Blick in grüne Wiesen
und in Wasser und in weissen Dunst -
und ich weiss nicht, wem von allen diesen
schenk' ich meine Gunst und meine Kunst ...

*Efeu(s)






Gisela Fritze, Sonnenblume




Vor genau einer Woche war der längste Tag des Jahres, gerade haben die großen Ferien begonnen: Es ist SOMMER!
Und wir denken an weite Natur, Schatten spendende Bäume, Urlaubsgegenden, den Geschmack frisch geernteter Früchte, Kindheitserinnerungen, Sonnenfarben – und Wasser.
Sonnenfarben und Wasser: Wir sehen hier eine Ausstellung mit Aquarellbildern. Aqua heißt ja Wasser, und die mit Wasser vermalten Farben bestehen unter anderem aus allerfeinsten Pigmenten.
Die typische Technik der Aquarellmalerei ist lasierend, das heißt: nicht deckend, sondern transparent. Man arbeitet sich vom Hellen zum Dunklen vor. Die hellste Farbe ist immer die des Malgrundes, meistens Papier; eine Aufhellung ist also nicht möglich. Dunklere Töne entstehen meist aus mehreren Farbschichten, deren feine Nuancen ihnen Lebendigkeit, Tiefe und Leuchtkraft verleihen.
Die Aquarellmalerei ist eine sehr alte Maltechnik, es gibt Illustrationen auf Papyrus, die etwa 4000 Jahre alt sind. Zeitweise setzte man das Aquarell nur kolorierend ein, bis Albrecht Dürer dessen Eigenständigkeit entdeckte und herausarbeitete.
Das wiederum steht in engem Zusammenhang mit der Papierherstellung, die sich im 15. Jh. etablierte und für geeignete Qualität sorgte. Aquarellpapier muss nämlich sowohl saugfähig sein als auch von einer gewissen Festigkeit. Es muss einen hohen Wasseranteil, also eine starke Verdünnung der Farben „aushalten“, denn nur so entstehen die typischen Aquarellstrukturen.
Manchmal wird das Papier auch vorher angefeuchtet, was beispielsweise eine besondere Art der Unschärfe hervorruft. Die Kontrollierbarkeit der Maltechnik ist also hier und da unterschiedlich, was das Arbeiten zwischen akribischer Planung und Improvisation möglich macht. Ich spreche dann gern von „gezähmtem Zufall“.



Gisela Fritze, Geestlandschaft, Aquarell und Tusche



Natürlich kann das Aquarell mit anderen Techniken kombiniert werden, allem voran der Zeichnung (mit Bleistift oder Tusche), oder auch mit anderen Materialien, z. B. Wachs. Ferner kann man die Farbe auf verschiedene Art auftragen, beispielsweise in Sprenkeln.
Jeder Künstler, jede Künstlerin entwickelt im Laufe der Zeit individuelle Verfahren.




Gisela Fritze, Steilküste auf Rügen, Aquarell mit Lava



Und damit schaue ich auf unsere beiden Künstlerinnen: Gisela Fritze und Silja Meier.
Ich hatte mir für uns eine Sommer-Ausstellung wie diese vorgestellt – und fand die beiden in der Künstlervereinigung Kunst.Neuss e. V.

In einem Zeitungsartikel im Zusammenhang mit ihrer ersten Ausstellung, die tatsächlich erst ein paar Jahre zurück liegt, wird Gisela Fritze als „Spätberufene“ bezeichnet. Ich mag diese Formulierung nicht besonders, denn eine Biografie ist so wie sie ist und hinterlässt ihre individuellen Spuren und Pfade.
Sowohl Gisela Fritze als auch Silja Meier haben schon früh gemalt, entschieden sich dann aber für berufliche Ausbildungen außerhalb der Kunst, wenngleich es jeweils gestalterische Berufe waren: Gisela Fritze wurde Schneiderin, Silja Meier Lithografin und Mediengestalterin.
Die Malerei ließ aber weder die eine noch die andere los, und heute arbeiten beide eben doch konsequenterweise künstlerisch. Vielleicht sind es also eher zwei „Frühberufene“?

Mich begeistert ja immer die Leichtigkeit eines Aquarells, die so treffend einen schönen Moment in seiner Flüchtigkeit darstellen kann.
Wir sehen hier eine Gegenständlichkeit, die hier und da in Farbstrukturen aufgelöst ist, so, wie die Erinnerung sich zum Teil zusammenfügt, zum Teil verfliegt. Festgehalten ist ein Zusammenspiel der Formen und Farben, aber präzise genug, dass wir das Dargestellte benennen können.
Wir sehen Landschaften, z. B. eine Steilküste auf Rügen (Gisela Fritze), einen Wald (Silja Meier), eine Geestlandschaft (Gisela Fritze); Menschendarstellungen wie die Mutter mit Kind auf der Fahrradtour durch sommerliche Felder (Silja Meier). Oder auch die Kindheitserinnerungen aus den 60er Jahren (Silja Meier): Kinder tragen die damals fast obligatorischen Lederhosen; Tretroller, Schaukel – so einfach war das damals.







Ein Mann „chillt“ – das Wort gebrauchte man damals noch nicht – auf einer Liege aus dem für diese Zeit typischen Plastikgeflecht.
Größere Kinder, ganz cool mit Sonnenbrille, probieren die Fahrt mit dem Mofa, ganz wichtig bis mindestens Ende der 70er Jahre.

In meine Kindheit gehört auch das „Einmachen“, das sich mit jeder Ernte einstellte: Die Küche war voll mit Kirschen oder Birnen. Diese Erinnerung ist sehr schön festgehalten auf den beiden Bildern Sommerfrüchte I + II (Silja Meier), die Früchte so plastisch und prall, dass man sie fast schmeckt.






Und wieder Landschaften: Diesmal fahren zwei Verliebte mit dem Fahrrad durch ein Sonnenblumenfeld (Silja Meier), eine Baumgruppe am Meer / Darßer Land (Gisela Fritze), eine enge Gasse eines beschaulichen Urlaubsortes (Silja Meier) oder, zweimal, der Blick ins Grüne (Gisela Fritze). Und Blüten, eine Sonnenblume und Mohn, rot und gelb – von Gisela Fritze; humorvolle Tier- und Menschen-Portraits von Silja Meier. 





Silja Meier, Menschen


Last not least drei Landschaften: An der Ostsee, an einem südlichen Strand (beide Gisela Fritze) und Marschland (Silja Meier).

Ein paar Momente lang werden wir, auf kleinen Formaten, entführt in eine fast wohlige Welt der Erinnerung, die keine Fragen aufwirft und das auch nicht will. Mit bewundernswert leichter Hand wird hier sommerlich-gute Laune vermittelt – die aber, wir wissen es alle, von begrenzter Dauer ist. Die herbstlichen Farben, die in manchen Bildern schon anklingen, scheinen zu sagen: Nutze den Tag, genieße den Augenblick!

Wir bedanken uns für die schöne sommerliche Ausstellung!


Marlies Blauth










Fotos: Künstlerinnen, Marlies Blauth







Montag, 27. April 2020

Janne Gronen – Landscapes of Feelings















Auch in der besonderen gegenwärtigen Situation (Corona-Krise) machen wir weiter mit unserer "Kunst in der Apsis".  

Bis die gewohnten Gottesdienste wieder stattfinden können, bringt die Evangelische Kirchengemeinde Osterath jedenfalls regelmäßige Online-Gottesdienste auf ihrem Youtube-Kanal, bei denen auch die aktuelle Kunst zu sehen ist.


Im Übrigen hoffen wir darauf, dass bald der Besuch der Kirche durch einzelne Personen wieder möglich ist. Auf eine Vernissage müssen wir natürlich verzichten, eine Midissage-oder Finissage-Veranstaltung schließen wir allerdings noch nicht ganz aus. 

Das Kirchenjahr befindet sich zwar strenggenommen noch im Umfeld von Ostern, mit der Kunst blicken wir aber so langsam in Richtung Pfingsten:

Janne Gronen – Landscapes of Feelings

Ausstellungsdauer: bis 21. Juni 2020 
  

Die Künstlerin nennt ihre Serie „landscape of feelings“, Seelenlandschaften, die den Blick öffnen wollen auf Prozesse im Innern, also auf das Erleben und Fühlen.
Die Ungegenständlichkeit der Arbeiten fordert die Betrachtenden heraus, sich auf ein Spiel mit den eigenen Sichtweisen einzulassen. Man mag eine neue Perspektive gegenüber dem scheinbar Gewohnten einnehmen, andererseits aber auch erfühlen, dass sich die "Seelenlandschaften" eines anderen gar so sehr von den eigenen unterscheiden. Das liegt vor allem an der Farbsymbolik, die eine nachvollziehbare Sprache spricht.
Die in der Ausstellung vorherrschende Farbe Rot ist die Farbe der Liebe, der Inspiration, der Leidenschaft, des Feuers. In Kombination mit Gelb, wie es in einigen Arbeiten der Fall ist, kommen Leichtigkeit und Freude hinzu. Im kirchlichen Kontext ist der Übergang von Ostern zu Pfingsten erkennbar: Die liturgische Farbe von Ostern ist weiß, die von Pfingsten rot. 

Janne Gronen, Jahrgang 1956, hat ihre künstlerische Ausbildung im Rahmen eines Lehramtsstudiums an der Universität Köln absolviert. Seit 1990 ist sie freischaffend künstlerisch tätig. Seit einigen Jahren schreibt sie auch, einige ihrer Textarbeiten, auf große weiße Tücher gedruckt, komplettieren unsere aktuelle Ausstellung.

Sie hat zahlreiche Einzelausstellungen präsentiert, sich an vielen Gruppenausstellungen beteiligt, außerdem Ausstellungen kuratiert., 
2017 veröffentlichte sie im Heiner Labonde Verlag ihren Gedichtband „NEODADAIST“ (Texte und Bilder von Janne Gronen). 

Ferner ist sie Mitglied des BBK Niederrhein, der Produzenten-Galerie Judith Dielämmer und der GEDOK A 46.
Ihre Arbeiten sind in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten.




Fotos: Marlies Blauth, Janne Gronen






















Dienstag, 31. März 2020

Andrea Weyergraf-Hahn | Hoffnung – Einführung von Dr. Kurt-Peter Gertz













Einführung in die Ausstellung von Andrea Weyergraf-Hahn


Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie alle ganz herzlich zu dieser Kunstausstellung; besonders begrüße ich die Künstlerin, Frau Andrea Weyergraf-Hahn aus Ratingen, und die Organisatorin der Ausstellung, Frau Marlies Blauth.


Einige Bemerkungen zur Arbeitsweise der Künstlerin. Zunächst muss man sagen: Sie ist eine große Sammlerin. Sie sammelt alles, was nicht niet- und nagelfest ist, was weggeworfen wurde, was herumliegt, was keinen Gebrauchswert hat: Schrotteile, Muscheln, Perlen, Fossilien, Glaskugeln, Federn, Ketten, Schmuckstücke.
Angeregt durch solche Fundstücke, findet sie dann eine inhaltliche Idee, die sie notiert und weiter verfolgt, um sie dann irgendwann umzusetzen. Diese Umsetzung erfolgt in mehreren Arbeitsschritten, die Sie leicht auf den Arbeiten nachvollziehen können: Es gibt eine Grundlage, die den farblichen Grundklang bestimmt; darüber werden weitere Schichten gelegt, mal aus Sand, mal aus Spachtelmasse, mal aus Draht, mal aus Seidenpapier; schließlich werden die Fundstücke darauf platziert und manchmal auch noch Sätze oder Wortfetzen eingefügt. Die inhaltliche Idee wird mit einem Titel konkretisiert.
So entstehen ihre Arbeiten, die man als „Collagen“ – als Klebebilder – oder (noch angemessener) als „Assemblagen“ bezeichnen kann, als Montagen von raumgreifenden Objekten und Gegenständen zu Materialbildern.
Zu den 11 Bildern in dieser Ausstellung möchte ich Ihnen jeweils ein paar Hinweise zur Form und zum Inhalt geben, die zum Verständnis hilfreich sein können und die Ihre eigenen Entdeckungen begleiten können. Beginnen wir mit den 5 Arbeiten hier in der Kirche (von links nach rechts).

Ganz links sehen Sie drei kleinere Arbeiten, jeweils mit dem Titel „Wie ein neues Leben“; dieser Titel geht zurück auf Gedanken der Philosophin und Märtyrerin Edith Stein (1891 – 1942). Der Text ist bei den 3 Arbeiten mit Tusche auf Seidenpapier geschrieben; darüber ist eine rostige Wellpappe gelegt, aus der Kreise gestanzt sind, durch die man den Text fragmentarisch lesen kann. Auf allen drei Arbeiten sind kleine Eisenteile und eine Feder montiert („Stückwerk“ wie es im Text heißt): Dadurch wird ein Gegensatz assoziiert zwischen Schwerem und Leichtem, zwischen Bedrückendem und Befreiendem – so wie es auch in dem Text anklingt: „Beschämung und Reue“ – „neues Leben“. Die Dreizahl der Arbeiten erinnert natürlich auch an die Dreifaltigkeit, die ständig neues Leben spendet (Zahlensymbolik spielt auf den Arbeiten der Künstlerin immer wieder eine Rolle); und die örtliche Nähe zum Taufbecken macht „neues Leben“ besonders anschaulich.





In der Mitte der Apsis und damit im Zentrum hängt die Arbeit, die der gesamten Ausstellung den Titel gibt: „Hoffnung“. Insbesondere diese großformatige Arbeit kann für die kommende Passions- und Osterzeit einige Anregungen geben. Der graue, schwere Untergrund kann Leiden, Kreuzweg, Trauer assoziieren. Darüber ist eine Gitterstruktur gelegt und darauf ein gelbliches Seidenpapier, das in der Mitte rötlich schimmert: Freude, Hoffnung, Ostern leuchten auf, pulsieren wie ein Vulkan auf den Betrachter zu. Die aufbrechende positive, hoffnungsvolle Stimmung wird aber noch zurückgehalten durch die beiden parallelen rostigen Bänder oder Stäbe, die wie ein Gitter über das Wechselspiel von Trauer und Hoffnung gelegt sind. Dennoch lassen die beiden Urformen und Vollkommenheitsformen der Arbeit – das Quadrat und der Kreis , sowie die durchscheinende, aufgehende Ostersonne ein gutes Ende erwarten. Auch die Nähe dieser Arbeit zur Osterkerze kann diesen Gedanken unterstreichen.






Rechts sehen wir dann die quadratische Arbeit „Kreuz“. Auch hier ein grauer, trister Untergrund mit einigen rot-orange Einsprengseln, die an Blut, an Karfreitag erinnern. Darüber eine Spachtelmasse mit Sand und Pigmenten vermischt. Und darüber gelb-eingefärbtes Seidenpapier, das sich nach vorne wölbt. Darüber sind mehrere rostige Drähte in Kreuzform gelegt, in deren Schnittpunkt zwei rostige Ringe montiert sind. Und ganz im Zentrum befindet sich ein kleiner goldener Ring – gleichsam wie das „Auge Gottes“. Auch diese Arbeit lebt vom Gegensatz Tod und Leben. Da sind einerseits die ausgespannte Kreuzform der Drähte und die beiden Ringe, die an den Rundstein erinnern, der vor das Grab gerollt wurde – da sind andererseits das österliche Licht, das durchschimmern will, und die zarten Bande, die eine Verbindung zwischen Erde und Himmel herstellen.





Die weiteren 6 Arbeiten sind im Gemeindesaal ausgestellt; und ich darf Sie bitten, dorthin zu gehen (Ortsveränderung tut immer gut!).
Die Arbeiten sind von links nach rechts anzuschauen – im Uhrzeigersinn. Ganz links die Arbeit „Auferstehung“, deren Titel auf ein Gedicht von Marie Luise Kaschnitz (1901-1974) zurückgeht. Auch hier sind einige Wortfetzen des Gedichtes zu lesen; und einige Fundstücke greifen einzelne Gedanken auf: das Zifferblatt die „Weckuhren“ und den „Leuchtzeiger“, die Feder das „leicht“, die Schraubenmutter das Schwere des „Gewohnten“ und der Stein mit dem Loch (der in manchen Gegenden an Eingängen von Häusern zu finden ist, um das Böse abzuwehren) den Gedanken „Haus aus Licht“. Auch auf dieser Arbeit wird der Gegensatz von Tod und Leben thematisiert.





Ebenso auf der nächsten rechteckigen Arbeit „Hervorscheinendes Licht“. Über eine alte, hell-orange-farbige Arbeit hat die Künstlerin eine graue Spachtelmasse gelegt, dabei aber sieben längs-rechteckige Spalten freigelassen, sodass das Gelb wie durch Gitterstäbe hindurch scheint. 7 ist eine Symbolzahl, eine Vollkommenheitszahl, die sich aus der göttlichen Zahl 3 und der irdischen Zahl 4 zusammensetzt. Vor diese sieben Gitterstäbe sind drei konzentrische Ringe platziert, die die göttliche Symbolik nochmals thematisieren – auch dadurch, dass einige Ringe golden gefasst sind. Schließlich ist ganz in die Mitte noch eine blau-türkis-farbige Kugel eingelassen, die die himmlische und göttliche Vollkommenheit anschaulich in den Mittelpunkt rückt.

Die nächste kleine Arbeit „Weniger ist mehr“ zeigt eine Kreuzform, bei der der Querbalken aus dem geschriebenen Titel besteht und der Längsbalken aus einem Stück Holz, auf dem ein Nagel, ein Dornenstück und eine kleine Rose befestigt sind. Die Arbeit stellt anschaulich den Vers aus dem Philipper-Brief vor Augen: „Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod.“
„Wie ein neues Leben“ ist eine etwas größere Variante der drei Arbeiten, die wir anfangs im Kirchenraum beim Taufbecken betrachtet haben.

Die nächste Arbeit „Das Gebet“ ist die einzige, die keine Fundstücke trägt. Auf einem ursprünglich dunkelroten Untergrund, der an Feuer und Blut erinnert, ist eine türkisblaue Spachtelmasse gelegt (Blau als Farbe des Himmels), die mit den breiten Zinken eines  Holzkamms durchzogen und zu Mustern strukturiert wurde. Links und unten werden dabei Kreuzesbalken geformt; rechts oben eine Kreis- oder besser noch: eine Spiralform. Beide Rundformen sind in der Ikonographie Symbole für Gott und die Unendlichkeit. Diese Göttlichkeit wird durch die Goldfassung noch akzentuiert. Auf dieser Arbeit wird die mögliche Zwiesprache vom Menschen zu Gott oder von Gott zum Menschen anschaulich. Auch kann man mit diesem Gemälde den Anfang des Johannes-Evangeliums assoziieren: „Im Anfang war das Wort…“




In der letzten quadratischen Arbeit „Aufbrechen“ klingt nochmals das Grundthema dieser Ausstellung an: „Hoffnung“. Über einen lebendigen, braun-roten Untergrund, der Irdisches andeutet, legt sich schwer und überdeckend eine graue Schicht. Darüber ist ein rostiger Maschendraht ausgebreitet und darüber schimmert gelbes Seidenpapier. Davor ist eine aus mehreren Seidenpapier-Schichten eine aufbrechende, aufplatzende gelbe Blüten-Form platziert. Und im Inneren der Blüte leuchtet eine goldene Kugel. So vermittelt diese Arbeit: Alles Verkrustete, alles Überlagernde, alles Hemmende muss überwunden werden und etwas ganz Neues muss entstehen.






Alle Arbeiten in dieser Ausstellung sind geprägt vom formalen Gegensatz zwischen haptischen, verwitterten Materialien und zarter Malerei und vom inhaltlichen Gegensatz zwischen Tod und Leben, zwischen Irdischem und Göttlichem, zwischen Kreuz und Auferstehung. Sie lassen eine Ahnung spüren, dass das Hier und Jetzt nicht das Endgültige ist, dass es eine Hoffnung auf ein „Mehr“ gibt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Damit hat die Künstlerin, Frau Andrea Weyergraf-Hahn, Werke geschaffen, die viel von dem vermitteln, was Kunst leisten kann und leisten sollte. Der amerikanische Künstler Bruce Nauman (geb. 1941) hat das mal so formuliert: „Der wahre Künstler hilft der Welt durch das Enthüllen mystischer Wahrheiten.“

Ich danke der Organisatorin des Projekts „Kunst in der Apsis“, Frau Marlies Blauth, die diese Ausstellung ermöglicht hat; ich danke der Künstlerin, dass sie uns mit ihren Arbeiten inspiriert und in andere Dimensionen entführt; und ich danke Ihnen allen für Ihre geduldige Aufmerksamkeit.




Dr. Kurt-Peter Gertz