Freitag, 6. November 2020

Ingrid Schreiber-Schatz | Räume – Einführung von Dr. Jutta Höfel









 


Zur Ausstellung „Räume“ von Ingrid Schreiber-Schatz


Mit ihrer Ausstellung öffnet Ingrid Schreiber-Schatz unserem Sehen und Empfinden vielfältige Räume in drei und vier Dimensionen, die sich unter anderem aus dem Zusammentreffen von Natur und Architektur ergeben.

So betrachten wir in der Apsis einen Jahreskreis großformatiger Arbeiten auf Leinwand („Naturprozesse“), die in der Mitte den Kontrast zwischen dem intensiven Grün des Sommers und dem Gräulichweiß des Winters ins Licht bringen,  während Frühling und Herbst als Übergänge die Wände zur Kirche erhellen.

Schauen wir zunächst auf den „Winter“, dessen Anblick uns von der Einladung vertraut ist und der nicht nur ein Ende, sondern auch den Anfang neuen Werdens in sich birgt. Da ist eine Pflanze, die – in kleinen Segmenten um ein Stämmchen sprossend – sehr alt anmutet, als habe sie seit jeher als erste die Erde kultiviert,  wie die Salicorne in den Überschwemmungsgebieten der Meeresküsten oder die Heide in den Geesten. Die übrige Fläche ist durchzogen von filigraner Zeichnung in Kohle und Tusche mit verschiedenen Stärken und Härten, bisweilen übereinander liegend in weichen Krümmungen und harten Winkeln, sich zusammen- und auseinanderziehend und viele Assoziationen anstoßend: ein Gitter von Bewässerungskanälen aus hoher Höhe vielleicht oder ein lockeres Geflecht von Adern für steigende und sinkende Säfte, durchsetzt von Ornamenten aus Spinnennetzen und Glasrissen.

Ein Blick zurück zeigt den „Herbst“, wenn Blatt und Frucht noch von lebendiger Essenz erfüllt sind und wo die sparsamen Linien viele Freiräume zwischen lianenhaften Ranken lassen.

Voraus fällt der Blick auf den „Frühling“, auf bläulichluftige Blütenkränze an feinen Stielen, die aus zartem Wiesengrund in den hellen Himmel streben, in dem ganz leicht einige Quadrate hingeworfen sind, die wir im „Sommer“ wiederfinden, der sich vor diffuser werdenden grünen Kacheln in einer Überlagerung saftiger fingriger und herziger Blätter entfaltet. Überwindet die Ton in Ton gestaffelte Harmonie der Farbe den Gegensatz zwischen Chlorophyll-durchwirkten Zellen und glasierten Keramikfliesen, zwischen biologisch gewachsenen und technisch gefertigten Formen?

Mit der Serie „Glashäuser“ greift Ingrid Schreiber-Schatz diese Aspekte von Vegetation und Konstruktion in konkreten Beispielen aus verschiedenen Städten auf.

Aus der Innensicht wird uns die Ausdehnung der Gebäude über nahezu leere Beete hinweg und die von diffus aufgetragenen Farben vermittelte dunstig-dumpfige Atmosphäre ebenso spürbar wie im Detail die bisweilen gleißend penetrante Sonne in Wedeln und Dolden. 

 

Aus der Beschäftigung mit dem Thema ergab sich für die Künstlerin die weiterführende Frage nach der „Abiogenese“, die die Entstehung des Organischen aus Anorganischem erkundet.

Ingrid Schreiber-Schatz ihrerseits evoziert die Wirkung einer allmählich, aber beständig florierenden Revolution an verlassenen industriellen Orten: Betonboden und Sheddach deuten einen allseits durchlässig gewordenen Raum an, gestützt unter anderem auf einen dünnen Birkenstumpf, aus dem eine gerade Schiene ragt, gestützt auf die Substanz, auf das „darunter Stehende“ des Holzes, das sich in maschinell produziertem Metall fortsetzt.

An anderen Stellen erobern Schlingpflanzen die Verstrebungen, und riesige amorphe Blüten in wässerig vermaltem Acryl breiten sich weich auf dem himmlischen Gewölk einer Wand aus, während die Glasabdeckung in scharfkantige Splitter gesprungen ist, denn Veränderung kann auch harte Brüche bedeuten.

Ein faszinierend-irritierendes Spiel von Fenster-Perspektiven bietet eine mit Aquarell überarbeitete Fotografie („Lichtraum“),  in der die rechteckige Gliederung der Scheiben einerseits die kahlen Äste über einer leuchtenden Gartenlandschaft zerteilt, andererseits eine mattweiße Blindheit.

 Die darin eingelassenen Reflektionen werden zum Sujet einer dritten Werkgruppe („Reflections“), in der vor allem städtische Kulissen zu komplexen Gefügen von Innen und Außen diffundieren,

Aspekte von Häusern und Straßen werden durch Überblendungen und Unschärfen entfremdet, als ob an einem heißen Sommertag vibrierende Fassaden, Pfeiler und Schilder verschmölzen. Eigentlich Bekanntes gewinnt einen geheimnisvollen Reiz, der uns in die Spiegeltiefen zieht und durch Säulen und Bögen über glänzendes Mosaikpflaster in märchenhafte Unterwasserhöfe entführt.

In den „Transformationen“ ist das Mauerwerk von einem Schleier verschieden farbiger Lasuren überzogen, die den Verbund von Steinen, Ziegeln und Mörtel mehr und mehr auflösen und auslöschen und ihn mit den aufgesetzten Mustern aus Kreisen, Kreuzen und Rechtecken in einen fließenden Teppich der Zeit verwandeln.

 

Mit ihrer unverwechselbaren Kombination von Malerei und Grafik beleuchtet Ingrid Schreiber-Schatz unser Sein zwischen Natur und Zivilisation, widmet sich der Übergänglichkeit unserer Existenz in dieser Welt und legt uns nahe, darüber nachzudenken, wie wir ihre Kostbarkeit verwalten und gestalten.

 

 

© 2020 Dr. Jutta Höfel





 

 

 


Montag, 19. Oktober 2020

Ingrid Schreiber-Schatz – Räume

 




Blick in den Kirchraum mit Apsis: Naturprozesse I – IV






Transformationen II + I

Natur in Tusche




Lichtraum

Reflections




Reflections II + III






Reflections IV

Glashaus in Köln





Gewächshaus in Düsseldorf

Glashaus in Wuppertal
Abiogenese























                                        

Mittwoch, 30. September 2020

Atelierbesuch bei Ingrid Schreiber-Schatz

 





















Fotos: Marlies Blauth, außer (2): Ingrid Schreiber-Schatz/ privat







 


Vorschau: Ingrid Schreiber-Schatz – RÄUME





















 

Freitag, 4. September 2020

J. Talkenberg, M. Blauth | Arbeiten zum Tee – Einführung von Laura Flöter






Juliane Talkenberg 



Kurzeinführung „Spätsommer-Vielfalt. Arbeiten zum Tee“

 

Marlies Blauth muss ich Ihnen vermutlich nicht mehr vorstellen. Ihr Studium von Kunst und Biologie in Wuppertal, u. a. bei Anna Oppermann, hat sie Ende der 1980er um den Aspekt des Kommunikationsdesigns erweitert und ihren solchermaßen differenzierten und interdisziplinär fundierten Zugang zur Kunst auch im Rahmen ihrer über zwanzigjährigen Dozentinnentätigkeit vermittelt. Ihr künstlerisches Schaffen ist zudem begleitet von einer andauernden Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland; seit Mitte der Nuller-Jahre ist sie darüber hinaus auch literarisch tätig, insbesondere im Bereich von Lyrik und Kurzprosa. Neben verschiedenen anderen Publikationen hat sie inzwischen zwei eigene Lyrikbände veröffentlicht.

Seit 2003 bereits Organisatorin von Kunst in der Apsis, ist sie heute sozusagen auch künstlerisch Gastgeberin. Gemeinsam mit Juliane Talkenberg, die ich Ihnen gleich noch vorstellen darf, präsentiert sie uns „Arbeiten zum Tee“ – eine Ausstellung, die um das Spiel von Materialität und Struktur, von Zufall und Assoziation kreist und uns einen Gegenstand, den wir aus dem Alltag längst zu kennen glauben, neu vorstellt. Zugleich klingen darin Untertöne des Besinnens auf des Wesentliche an.

Die Grundform, die in vielen der gezeigten Arbeiten aufscheint, ist von einem Gebrauchsgegenstand vorgegeben – einem Teebeutel. In der künstlerischen Aufbereitung jedoch löst Marlies Blauth ihn aus der gedanklichen Zuordnung seiner Zweckbestimmung, und plötzlich gemahnt er an botanisches Sammelmaterial – an Blütenblätter oder Schmetterlingsflügel, wie wir sie aus naturkundlichen Werken oder Sammlungen kennen. Darin scheint Marlies‘ fachlicher Hintergrund auf, und von dort aus nimmt alles seinen weiteren Verlauf: Natur und Natürlichkeit ist ein zweiter Themenschwerpunkt dieser Ausstellung.

 

 


Marlies Blauth

In der Serie florale Ornamente nehmen die Teeblätter so fast die Erscheinung von Klatschmohnblüten an. Die Sepia-Töne, die die Farbstoffe des Tees am Material hinterlassen haben, muten herbstlich an, wecken die bittersüße Nostalgie eines zur Neige gehenden Sommers und rufen Gedanken an das Verfallen, Vergehen und Verblühen auf, das ewige Widerspiel von Entstehen und Vergehen, das der Jahreszyklus beschreibt. Die klare Komposition der Arbeiten erinnert an einen Holzschnitt und ist somit Anknüpfung an andere Techniken der Künstlerin. Diese architektonisch-artifizielle Gefügtheit aber steht im Kontrast zum Organischen des Materials und der Zufälligkeit, mit der das Farbenspiel durch das Aufbrühen entstanden ist. Die Zerbrechlichkeit des Teebeutels, dessen Gewebe an Blütenblätter erinnert, steht im Kontrast zur Regelhaftigkeit der Anordnung. Ein Grundgedanke dieser Serie.

Er setzt sich in den Herbarien logisch fort. Hier aber erwecken ergänzende, vor allem graphische Techniken die quasi-geometrische Form des Teebeutels zum Leben: suchende Linien regen die Vorstellung an, Umriss-Linien definieren den Gedanken. Die Lebendigkeit des Materials greift auf die Gestaltung über. Auch die Punkte – Kleckse? – die Sie entdecken können, vermitteln diesen Eindruck – sind die Teebeutel noch feucht bearbeitet worden, dass die festen Linien sich auflösen? Der Zufall hat in die Bilder eingegriffen und eröffnet ein evokatives Potential, dieser spielerisch-leichten Herangehensweise.

Das Wasser wird so zum Gestaltungsmittel, vorher und nachher: Einerseits färbt es die Beutel durch Lösen der Inhaltsstoffen aus dem eigentlichen Tee. Zugleich wird es zum Trägermedium bei der Transformation vom Abfall- zum künstlerischen Material. Das Wasser als das lebensspendende Element der Natur wird so zugleich zur Bedingung der künstlerischen Gestaltung.

Auch ist es ein verbindendes Element der beiden künstlerischen Positionen, die sich in dieser Ausstellung begegnen.

 

Juliane Talkenberg hat in den 1970er Jahren u. a bei Beuys und Richter studiert und bis 2014 auch unterrichtet. Schon Mitte der 1980er aber hat sie ihr fachliches Spektrum von Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik um einen kunsttherapeutischen Aspekt erweitert. Ihre künstlerische Arbeit ist seither stets von Ausstellungstätigkeit begleitet, vor allem im Rheinland, aber auch darüber hinaus, und so im ständigen Dialog mit der Öffentlichkeit. Dem Ausstellungsthema gemäß ist der Teebeutel auch ihr gedanklicher Ausgangspunkt und das Wasser eine ästhetische Bedingung ihres gestalterischen Ausdrucks, doch in einem ganz eigenen Sinne. Die Idee, den gestalterischen Möglichkeiten von Tee künstlerisch nachzuspüren, stammt im übrigen ursprünglich von ihr.

Ihre malerischen Arbeiten, insbesondere die Serie Blütentänze, führen uns vor abstrakte Farbwolken, die floral anmuten. Ihre duftig-pastelligen Strukturen sind stark bewegt: Wirbel und Strudel schaffen Räumlichkeit und scheiden das eine vom anderen, den Vordergrund vom Hintergrund und dem Dazwischen. So entsteht der Eindruck von Landschaft – ob am Himmel in Wolken zu erblicken, ob als weites Land, durch das wilde Stürme streifen, das bleibt uns überlassen. In jedem Fall ist das Ergebnis dieser Bewegtheit ein lebendiges Auf und Ab, das in seinem Eindruck fließendem Wasser nahekommt – oder den Schlieren, die aufgebrühter Tee beim Ziehen in das heiße Wasser abgibt. Juliane Talkenberg hat diesem Vorgang nämlich in filmischen Experimenten nachgespürt. Die genannten Arbeiten als Zeugnisse dieser Auseinandersetzung illustrieren demgemäß ein elementares Moment des Lebens in konzentrierter Form: Das (Tee-)Wasser entfaltet in dieser Serie sein ganzes schöpferisches Potential: Bewegung nimmt Gestalt und Farbe an.




Juliane Talkenberg 

Die Objekte, die Sie neben malerischen und grafischen Arbeiten sehen können – Couture aus Tee! nehmen daneben sicherlich eine Sonderstellung ein, verfolgen diesen Gedanken aber auf anderer Ebene weiter. Das feine, duftige Gewebe von Teebeutel erinnert an Seide – ebenfalls in seiner Ursprungsform ein Naturprodukt. Wie das Material selbst treten die Arbeiten schlicht und bescheiden auf, bergen aber ein großes assoziatives Potential. Denn der Tee ist – wie das Wasser im Übrigen auch – von hoher spiritueller Bedeutung:
Auf der ganzen Welt haben sich eine eigene Tee-Kulturen entwickelt, besonders bekannt sicherlich die englische oder die fernöstliche Tradition. Die gepflegten Tee-Kulturen sind Ausdruck komplexer Haltungen – Weltanschauungen auch spiritueller Art. Gastfreundschaft, Innehalten und Besinnen auf den Augenblick, aber auch Gesundheit und die Verbundenheit des Menschen mit der Natur, die ihn umgibt, klingen hier mit an. Der Titel eines der Stücke – Taufkleid – erwidert diesen spirituellen Anklang. Wie passend, solche Arbeiten in einer Kirche zu zeigen.
In Juliane Talkenbergs Graphiken schließlich entfalten die Teebeutel und ihre individuellen Färbungen als Produkte des Wassers ihr volles gestalterisches Potential. Diese Arbeiten sind die kleinsten, die Sie in dieser Ausstellung finden werden. Treten Sie näher und schauen Sie genau hin; ich darf Sie Ihnen auch aus diesem Grund ans Herz legen – auch, aber nicht nur.  In Mischtechniken wie der Arbeit (baum-ich) werden die Brühschlieren zum abstrakten, aber überraschend bewegten Hintergrund. Die Klecksographien als ausformulierte Produkte des Zufalls führen diesen Gedanken fort: (scheinbar) zufällig entstandene Strukturen regen die künstlerische Vorstellung an, aber auch die bewusste Wahrnehmung, und entlassen uns in ein freies Phantasiespiel, das unendlich fortsetzbar ist, unerschöpflich und immer wieder neu. Phantastisch anmutende Landschaften, die die Traum-Architektur unterbewusster Vorstellungen illustrieren, ergänzen das graphische Werk. Die unmittelbar-assoziative Herangehensweise an das Material eröffnet uns einen direkten, emotional geprägten Zugang, der sich in der Motivik spiegelt: Oft geht es um Beziehung – zwischen Menschen oder zwischen Mensch und Natur. Als Grundthema der Malerei der Romantik ein Sujet mit langer Tradition, kehrt es in den Natur-Bildern „zum Tee“ mit aktuellen Bezügen zu uns zurück: ob Klima oder Corona, selten gab es eine Phase in der Menschheits-Geschichte, in der eine Krise uns erlaubte, die Bedeutung dieser Themen für uns persönlich gründlicher zu bedenken.



Juliane Talkenberg 


Erneut sind es, neben der Natur, die Themenkreise der Einfachheit und der Besinnung, die sich uns als Kerngedanken der Ausstellung präsentieren, und die uns im Tee als Gebrauchsgegenstand des Alltags, als Ausgangspunkt dieser Ausstellung und zugleich als Kulturgut entgegentreten. Die Kirche als Kulminationspunkt spiritueller Empfindungen vermag dem einen passenden Rahmen zu geben. Das Erntedankfest, dem wir bereits entgegenblicken, ist die passende liturgische Entsprechung.
Marlies Blauth und Juliane Talkenberg – beiden Positionen ist gemein, dass sie das Alltägliche, den Teebeutel, vom Abfallprodukt zum Kunstprodukt machen, indem sie die Aufmerksamkeit ihrer künstlerischen Auseinandersetzung auf die motivische, materielle und kulturelle Verfasstheit ihres Gegenstands richten. In neuen Zusammenhängen gedacht lädt die Ausstellung uns also ein, einen Schritt zurückzutreten und im scheinbar Banalen das Besondere (wieder) zu entdecken. Nicht nur, aber vor allem in einer Zeit der Einschränkung und Begrenzung, wie wir sie augenblicklich erleben, kann dieses Gedankenspiel uns ein Stück genau der Freiheit und Heiterkeit zurückgeben, die der Alltag mit Corona uns zum Teil mitunter wohl schmerzlich vermissen lässt. Dies ist auch – aber nicht nur – Aufgabe von Kunst. In diesem Sinne möchte ich Sie einladen, näherzutreten und die Einladung anzunehmen, die sie uns ausspricht. Dankeschön.















Montag, 24. August 2020

Juliane Talkenberg, Marlies Blauth – Spätsommer-Vielfalt | Arbeiten zum Tee







Juliane Talkenberg, Marlies Blauth





Kirchraum mit Arbeiten von Juliane Talkenberg





Arbeiten zum Tee:
Übermalte Teebeutel/-Teefilter
Objekte aus Teebeutel-Material
Gemalte Beobachtung: „Tanzen“ des Tees beim Aufbrühen
Teebeutel-Collagen













Fotos: Marlies Blauth, Jochen Petzold