Dienstag, 31. März 2020

Andrea Weyergraf-Hahn | Hoffnung – Einführung von Dr. Kurt-Peter Gertz













Einführung in die Ausstellung von Andrea Weyergraf-Hahn


Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie alle ganz herzlich zu dieser Kunstausstellung; besonders begrüße ich die Künstlerin, Frau Andrea Weyergraf-Hahn aus Ratingen, und die Organisatorin der Ausstellung, Frau Marlies Blauth.


Einige Bemerkungen zur Arbeitsweise der Künstlerin. Zunächst muss man sagen: Sie ist eine große Sammlerin. Sie sammelt alles, was nicht niet- und nagelfest ist, was weggeworfen wurde, was herumliegt, was keinen Gebrauchswert hat: Schrotteile, Muscheln, Perlen, Fossilien, Glaskugeln, Federn, Ketten, Schmuckstücke.
Angeregt durch solche Fundstücke, findet sie dann eine inhaltliche Idee, die sie notiert und weiter verfolgt, um sie dann irgendwann umzusetzen. Diese Umsetzung erfolgt in mehreren Arbeitsschritten, die Sie leicht auf den Arbeiten nachvollziehen können: Es gibt eine Grundlage, die den farblichen Grundklang bestimmt; darüber werden weitere Schichten gelegt, mal aus Sand, mal aus Spachtelmasse, mal aus Draht, mal aus Seidenpapier; schließlich werden die Fundstücke darauf platziert und manchmal auch noch Sätze oder Wortfetzen eingefügt. Die inhaltliche Idee wird mit einem Titel konkretisiert.
So entstehen ihre Arbeiten, die man als „Collagen“ – als Klebebilder – oder (noch angemessener) als „Assemblagen“ bezeichnen kann, als Montagen von raumgreifenden Objekten und Gegenständen zu Materialbildern.
Zu den 11 Bildern in dieser Ausstellung möchte ich Ihnen jeweils ein paar Hinweise zur Form und zum Inhalt geben, die zum Verständnis hilfreich sein können und die Ihre eigenen Entdeckungen begleiten können. Beginnen wir mit den 5 Arbeiten hier in der Kirche (von links nach rechts).

Ganz links sehen Sie drei kleinere Arbeiten, jeweils mit dem Titel „Wie ein neues Leben“; dieser Titel geht zurück auf Gedanken der Philosophin und Märtyrerin Edith Stein (1891 – 1942). Der Text ist bei den 3 Arbeiten mit Tusche auf Seidenpapier geschrieben; darüber ist eine rostige Wellpappe gelegt, aus der Kreise gestanzt sind, durch die man den Text fragmentarisch lesen kann. Auf allen drei Arbeiten sind kleine Eisenteile und eine Feder montiert („Stückwerk“ wie es im Text heißt): Dadurch wird ein Gegensatz assoziiert zwischen Schwerem und Leichtem, zwischen Bedrückendem und Befreiendem – so wie es auch in dem Text anklingt: „Beschämung und Reue“ – „neues Leben“. Die Dreizahl der Arbeiten erinnert natürlich auch an die Dreifaltigkeit, die ständig neues Leben spendet (Zahlensymbolik spielt auf den Arbeiten der Künstlerin immer wieder eine Rolle); und die örtliche Nähe zum Taufbecken macht „neues Leben“ besonders anschaulich.





In der Mitte der Apsis und damit im Zentrum hängt die Arbeit, die der gesamten Ausstellung den Titel gibt: „Hoffnung“. Insbesondere diese großformatige Arbeit kann für die kommende Passions- und Osterzeit einige Anregungen geben. Der graue, schwere Untergrund kann Leiden, Kreuzweg, Trauer assoziieren. Darüber ist eine Gitterstruktur gelegt und darauf ein gelbliches Seidenpapier, das in der Mitte rötlich schimmert: Freude, Hoffnung, Ostern leuchten auf, pulsieren wie ein Vulkan auf den Betrachter zu. Die aufbrechende positive, hoffnungsvolle Stimmung wird aber noch zurückgehalten durch die beiden parallelen rostigen Bänder oder Stäbe, die wie ein Gitter über das Wechselspiel von Trauer und Hoffnung gelegt sind. Dennoch lassen die beiden Urformen und Vollkommenheitsformen der Arbeit – das Quadrat und der Kreis , sowie die durchscheinende, aufgehende Ostersonne ein gutes Ende erwarten. Auch die Nähe dieser Arbeit zur Osterkerze kann diesen Gedanken unterstreichen.






Rechts sehen wir dann die quadratische Arbeit „Kreuz“. Auch hier ein grauer, trister Untergrund mit einigen rot-orange Einsprengseln, die an Blut, an Karfreitag erinnern. Darüber eine Spachtelmasse mit Sand und Pigmenten vermischt. Und darüber gelb-eingefärbtes Seidenpapier, das sich nach vorne wölbt. Darüber sind mehrere rostige Drähte in Kreuzform gelegt, in deren Schnittpunkt zwei rostige Ringe montiert sind. Und ganz im Zentrum befindet sich ein kleiner goldener Ring – gleichsam wie das „Auge Gottes“. Auch diese Arbeit lebt vom Gegensatz Tod und Leben. Da sind einerseits die ausgespannte Kreuzform der Drähte und die beiden Ringe, die an den Rundstein erinnern, der vor das Grab gerollt wurde – da sind andererseits das österliche Licht, das durchschimmern will, und die zarten Bande, die eine Verbindung zwischen Erde und Himmel herstellen.





Die weiteren 6 Arbeiten sind im Gemeindesaal ausgestellt; und ich darf Sie bitten, dorthin zu gehen (Ortsveränderung tut immer gut!).
Die Arbeiten sind von links nach rechts anzuschauen – im Uhrzeigersinn. Ganz links die Arbeit „Auferstehung“, deren Titel auf ein Gedicht von Marie Luise Kaschnitz (1901-1974) zurückgeht. Auch hier sind einige Wortfetzen des Gedichtes zu lesen; und einige Fundstücke greifen einzelne Gedanken auf: das Zifferblatt die „Weckuhren“ und den „Leuchtzeiger“, die Feder das „leicht“, die Schraubenmutter das Schwere des „Gewohnten“ und der Stein mit dem Loch (der in manchen Gegenden an Eingängen von Häusern zu finden ist, um das Böse abzuwehren) den Gedanken „Haus aus Licht“. Auch auf dieser Arbeit wird der Gegensatz von Tod und Leben thematisiert.





Ebenso auf der nächsten rechteckigen Arbeit „Hervorscheinendes Licht“. Über eine alte, hell-orange-farbige Arbeit hat die Künstlerin eine graue Spachtelmasse gelegt, dabei aber sieben längs-rechteckige Spalten freigelassen, sodass das Gelb wie durch Gitterstäbe hindurch scheint. 7 ist eine Symbolzahl, eine Vollkommenheitszahl, die sich aus der göttlichen Zahl 3 und der irdischen Zahl 4 zusammensetzt. Vor diese sieben Gitterstäbe sind drei konzentrische Ringe platziert, die die göttliche Symbolik nochmals thematisieren – auch dadurch, dass einige Ringe golden gefasst sind. Schließlich ist ganz in die Mitte noch eine blau-türkis-farbige Kugel eingelassen, die die himmlische und göttliche Vollkommenheit anschaulich in den Mittelpunkt rückt.

Die nächste kleine Arbeit „Weniger ist mehr“ zeigt eine Kreuzform, bei der der Querbalken aus dem geschriebenen Titel besteht und der Längsbalken aus einem Stück Holz, auf dem ein Nagel, ein Dornenstück und eine kleine Rose befestigt sind. Die Arbeit stellt anschaulich den Vers aus dem Philipper-Brief vor Augen: „Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod.“
„Wie ein neues Leben“ ist eine etwas größere Variante der drei Arbeiten, die wir anfangs im Kirchenraum beim Taufbecken betrachtet haben.

Die nächste Arbeit „Das Gebet“ ist die einzige, die keine Fundstücke trägt. Auf einem ursprünglich dunkelroten Untergrund, der an Feuer und Blut erinnert, ist eine türkisblaue Spachtelmasse gelegt (Blau als Farbe des Himmels), die mit den breiten Zinken eines  Holzkamms durchzogen und zu Mustern strukturiert wurde. Links und unten werden dabei Kreuzesbalken geformt; rechts oben eine Kreis- oder besser noch: eine Spiralform. Beide Rundformen sind in der Ikonographie Symbole für Gott und die Unendlichkeit. Diese Göttlichkeit wird durch die Goldfassung noch akzentuiert. Auf dieser Arbeit wird die mögliche Zwiesprache vom Menschen zu Gott oder von Gott zum Menschen anschaulich. Auch kann man mit diesem Gemälde den Anfang des Johannes-Evangeliums assoziieren: „Im Anfang war das Wort…“




In der letzten quadratischen Arbeit „Aufbrechen“ klingt nochmals das Grundthema dieser Ausstellung an: „Hoffnung“. Über einen lebendigen, braun-roten Untergrund, der Irdisches andeutet, legt sich schwer und überdeckend eine graue Schicht. Darüber ist ein rostiger Maschendraht ausgebreitet und darüber schimmert gelbes Seidenpapier. Davor ist eine aus mehreren Seidenpapier-Schichten eine aufbrechende, aufplatzende gelbe Blüten-Form platziert. Und im Inneren der Blüte leuchtet eine goldene Kugel. So vermittelt diese Arbeit: Alles Verkrustete, alles Überlagernde, alles Hemmende muss überwunden werden und etwas ganz Neues muss entstehen.






Alle Arbeiten in dieser Ausstellung sind geprägt vom formalen Gegensatz zwischen haptischen, verwitterten Materialien und zarter Malerei und vom inhaltlichen Gegensatz zwischen Tod und Leben, zwischen Irdischem und Göttlichem, zwischen Kreuz und Auferstehung. Sie lassen eine Ahnung spüren, dass das Hier und Jetzt nicht das Endgültige ist, dass es eine Hoffnung auf ein „Mehr“ gibt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Damit hat die Künstlerin, Frau Andrea Weyergraf-Hahn, Werke geschaffen, die viel von dem vermitteln, was Kunst leisten kann und leisten sollte. Der amerikanische Künstler Bruce Nauman (geb. 1941) hat das mal so formuliert: „Der wahre Künstler hilft der Welt durch das Enthüllen mystischer Wahrheiten.“

Ich danke der Organisatorin des Projekts „Kunst in der Apsis“, Frau Marlies Blauth, die diese Ausstellung ermöglicht hat; ich danke der Künstlerin, dass sie uns mit ihren Arbeiten inspiriert und in andere Dimensionen entführt; und ich danke Ihnen allen für Ihre geduldige Aufmerksamkeit.




Dr. Kurt-Peter Gertz












Montag, 17. Februar 2020

Andrea Weyergraf-Hahn – Hoffnung
















Kirchraum









Andrea Weyergraf-Hahn, Jahrgang 1960, lebt und arbeitet in Ratingen.
Sie lernte bei verschiedenen Künstlern und Künstlerinnen Zeichnen und Malen und entwickelte individuelle Arbeitsmethoden mit besonderer ästhetischer Wirkung: Viele verschiedene Malschichten, zum Teil auch lockere Pigmente, werden aufgetragen und mit anderen Materialien kombiniert. Dabei können beispielsweise Papiere mit handgeschriebenen Texten eingearbeitet und auch Metallstücke als Assemblage aufmontiert sein.

Das Stoffliche, Haptische, die Gegensätze zwischen verwitterten, schroffen Materialien und zarter Malerei ist ihr wichtig: Auf dem Bild in der Apsis scheinen lichte Farbschichten hinter zwei rostigen Stäben hervor, die, parallel über dem Bild schwebend, an den senkrechten Balken des christlichen Kreuzes denken lassen. 








Foto ganz unten: Anna Schriever










Freitag, 7. Februar 2020

Montag, 20. Januar 2020

Helga von Berg-Harder | Schatten und Licht – Einführung von Dr. Jutta Höfel











Zur Ausstellung „Schatten und Licht“ von Helga von Berg-Harder


Helga von Berg-Harder ist Fotokünstlerin, also arbeitet sie mit dem Licht und mit dem Schatten, der es zur Geltung bringt. Denn das eine ist nicht ohne das andere für uns Menschen, die wir zwischen den Absoluten unseren mittleren Weg suchen.

Diese Idee lässt sich in der Einladung wiederfinden: Von unten groß und oben kleiner sind Keile aus Helligkeit durch die Finsternis geworfen, grobe Tritte eines alten Pflasters, dahinter eine grusige Fläche, die aufgelöster sich fortsetzt in dem oberen Segment, das vielleicht nicht mehr von dieser Welt ist, wohin man nicht weitergeht, sondern aufsteigt.

Die Ausstellung steht im Kreise des kirchlichen Festes Epiphanias, das die Erscheinung Gottes in Gestalt Christi feiert, einst zusammen mit dessen Geburt, der unter dem Zeichen des Sterns auch die drei weisen Könige huldigten.

Die Existenz des Heilands, der leuchtende Kometenschweif und die im Nordwinter nach der Sonnenwende nun wieder wachsenden Tage verbinden sich zu diesem Anlass: Das Gotteslicht scheint durch den Kosmos zur Erde nieder und durchstrahlt auch die Schattenseiten unseres Lebens.

Mit ihren auf zentrale Kontraste und ausgesuchte Effekte reduzierten Bilder öffnet Helga von Berg-Harder unseren Assoziationen ein weites Feld, sowohl mit den analogen Schwarzweißaufnahmen als auch mit den leuchtend farbigen Sujets des Schach-Zyklus, in dem die Künstlerin expressive Figurinen aus vielen Kulturen in Dialogen miteinander inszeniert und damit Stellung bezieht zum Geschehen der Zeit.

In der Apsis sehen wir eine Landschaft aus Rotgoldtönen wie am Rande eines Vulkans, vor dem Menschen nacheinander die Höhe erklimmen, auf der Flucht vor der Vernichtung, vor der Hölle eines Krieges. Das Glühen umhüllt als Wüstenatmosphäre auch die Antilopen mit übergroßem Gehörn, glänzt über die Oberfläche der Bronzen hin und wirft ihre Schattenzeichnungen auf den Grund.

Fotografie ist in technischer und ästhetischer Hinsicht ein Malen, Zeichnen, ein Umgang mit dem Licht, das mit dem Objektiv eingefangen und unter anderem durch Beleuchtung, Blendenwahl, Zeit und Filter gestaltet werden kann. Handwerkliches Können und kreative Inspiration gehen bei Helga von Berg-Harder geglückt zusammen; sie fertigt ihre Abzüge als Unikate in der eigenen Dunkelkammer und nutzt auch bei der Entwicklung jede Möglichkeit als Lichtbildnerin.

Ihre kontemplativen Aufnahmen zeigen oft Naturphänomene – Erscheinungen –, kleine Still-Leben oder große Bewegungen wie die ziehenden und treibenden Wolken, kompakte und transparente Gebilde aus Wasser und Luft, die zwischen düstrer Ballung und gleißender Kontur einander wie Positiv und Negativ gegenüberstehen.

Faszinierend sind dabei auch die Entsprechungen zwischen Himmel und Erde: zartzerfasernde Wald- und Wolkensilhouetten oder fliegende Figurationen über dem Meer und Menschen am Strand: Göttergestalten und eine Mutter mit Kind.




In den architektonischen Serien finden sich häufig Kontraste zur Technik:
energetische Dampfkonzentration über filigranen Strommasten oder die harten klaren Gerüste und Seilzüge einer Hängebrücke vor feindunstigen Schichten. Und an einer Kirche wacht ein Heiliger mit Kreuz vor dramatischer Skyline, als wolle er dem heidnischen Schleudern von Blitzen Einhalt gebieten.

Mit ihrer Kamera hält die Künstlerin nicht nur die unmittelbare Vorderseite der Wirklichkeit fest, sondern erfasst auch hintergründige Bedeutungsebenen, die sie in ihren Arbeiten mitschwingen lässt.
Überhaupt ist sie eine Meisterin zurückhaltender Gestaltung, die zumeist auf der Kunst des Sehens beruht, auf der Wahrnehmung der perfekten Situation, in der alles passt.

Sie nennt ihre Arbeit „Fotolyrik“, die man „mit Augen fühlt“ und betont damit nicht nur ihre künstlerische Perspektive, eine verdichtete Formsprache zu schaffen, sondern auch das darin enthaltene Angebot, unseren Blick in der Betrachtung ihrer Bilder zu erweitern und zu vertiefen.

Um besondere Momente wahrzunehmen, überall, wo wir sind, wie die feinkörnigen, in den Sand gewehten Miniaturlandschaften, scharfkantig konturierte Lichtlanzen und Schattenspeere, oder, viel alltäglicher: die Rahmung und Rasterung des hinein- und hinausscheinenden Lichts durch die Gitter und Kreuze unserer Fenster.

Vielleicht denken wir dabei noch einmal zurück an die Entstehung des Christentums, in das manche Aspekte damals bestehender dualistischer Weltanschauungen einmündeten, in denen das göttliche Licht als Funke in die finstere Materie – auch in uns – eingekörpert ist, um sich durch Erkenntnis aufzuschwingen und zu befreien.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen und einige Besinnlichkeit in dieser Ausstellung mit den Werken von Helga von Berg-Harder, gesehen und festgehalten im spontanen Erkennen und erfahrenen Wissen um die Schönheit der Welt.


©2020 Dr. Jutta Höfel


















Montag, 6. Januar 2020

Atelierbesuch bei Helga von Berg-Harder









Helga von Berg-Harder























Mittwoch, 18. Dezember 2019

Katalog Kunst in der Apsis II










Unser – zweiter – Katalog Kunst in der Apsis ist fertig.

Für 10.-- € plus Porto kann er bestellt werden über die



Evangelische Kirchengemeinde Osterath

Gemeindebüro

Alte Poststraße 15
40670 Meerbusch


oder blauth.helix(at)t-online.de










Buchvorstellung am 18. Dezember 2019 mit Marlies Blauth, der Organisatorin, und Friedel Tischler, 
dem Vorsitzenden des Presbyteriums.


Foto: Dr. Bertram Müller