Dienstag, 18. Januar 2022

Angelika Kraft | Blick in die Ausstellung

 






Trotz Dunkelheit Licht erkennen


Herzliche Einladung zur Vernissage am Sonntag, dem 23. Januar 2022, um 11.15 Uhr, mit einer Kurzeinführung von Frau Dr. Gabriela Köster. 

Aktuelle Corona-Regel für Veranstaltungen: 2 G und FFP2-Maske

 





Innerhalb des Kirchenjahrs, das ja thematisches "Gerüst" für unsere Ausstellungen ist, befinden wir uns in der Epiphaniaszeit, in der das Erscheinen Gottes in der Welt gefeiert wird.

Das Licht als eine geheimnisvolle, göttliche Energie spielt dabei eine zentrale Rolle; im Johannesevangelium findet sich das bekannte Zitat: Ich bin das Licht der Welt.

Angelika Kraft zeigt ihre Polarlicht-Bilder, die sie mit Acrylfarbe gemalt und gesprüht hat, teilweise ergänzt durch hochpigmentierte farbige Tusche, deren Leuchtkraft eine ganz besondere ist.

Ein Aufenthalt in Nordnorwegen im Jahr 2017 inspirierte die Künstlerin zu dieser Serie, die sie aktuell für unsere Ausstellung um einige Arbeiten erweitert hat. "Das Polarlicht," so die Künstlerin, "gehört zu den beeindruckendsten Naturerlebnissen. Fast in jeder klaren Nacht von Oktober bis März ist es über dem Norden Skandinaviens zu sehen. Manchmal ist es nur ein schwacher Grauschimmer am Horizont und kaum zu erkennen. In anderen Nächten aber brennt der Himmel förmlich, und die Aurora tanzt in grün und rot über den Himmel. In jedem Fall tief berührend.

In der Ausstellung stelle ich die selbst erlebten Lichterscheinungen dar, vielleicht aus der Erinnerung zum ersten Mal richtig erkannt, das Empfundene in Szene gesetzt."

 



Dr. Angelika Kraft, *1957, aufgewachsen im Raum Hannover, ist promovierte Wasserbau-Ingenieurin. Mit der Kunst beschäftigte sie sich lange neben ihrem Beruf, später dann ausschließlich als Galeristin und Künstlerin. Seit 2013 zeigt sie regelmäßig Ausstellungen bzw. beteiligt sich an Gemeinschaftsprojekten, u. a. im Paul Gerhardt-Haus in Düsseldorf Heerdt (B), in der Galerie van Remmen in Solingen (E) und im "Glaselefant" Hamm (E). Angelika Kraft lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Meerbusch, ihre Galerie befindet sich im Ackershof in Osterath. 

Ausstellungsdauer: bis 6. März 2022; geöffnet mittwochs bis freitags 9 bis 12 Uhr und nach Vereinbarung.

Aktuell ist die Kirche zusätzlich geöffnet: Montag, Mittwoch bis Freitag von 15 bis 17 Uhr. Dienstags 15 bis 17 Uhr. Wir bitten Sie herzlich, die Abstände einzuhalten und eine Maske anzuziehen. Bis zu fünf Personen dürfen gleichzeitig in der Kirche sein.





Donnerstag, 16. Dezember 2021

Amédé Ackermann | Zukunft – Einführung von Dr. Laura Flöter

 







Einführung Amédé Ackermann: „Zukunft“

 

Die Fotografie ist vielleicht diejenige künstlerische Disziplin, die in unserer Zeit unter dem größten Legitimationsdruck steht – denn Fotos machen wir alle, und wir machen sie ständig. Jedes Smartphone hat eine Kamera, deren technische Möglichkeiten Generationen früherer FotografInnen hätte staunen lassen. Draufhalten, knips, fertig ist das Buntbild. Oder auch in Schwarzweiß, für den intellektuellen Touch. Zahllose integrierte Funktionen – Selbstauslöser, Auto-Belichtung, Autofokus, Weißabgleich etc. – machen es vermeintlich möglich, den Augenblick in seiner Vollkommenheit zu erfassen. Wem das nicht reicht, dem steht eine breitgefächerte Palette von Möglichkeiten für die Nachbearbeitung zur Verfügung – Farbfilter, Lichteffekte, vorgefertigte Schablonen optimieren den eingefangenen Moment.

Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass es mit der künstlerischen Fotografie so einfach natürlich nicht ist. Es gibt einen Unterschied zwischen „knips“ und „Fotografie“.

Wie aber diesen Unterschied erkennen zwischen „Hab ich kurz abgelichtet“ und dem inszenierten Moment, der die Quintessenz der Kunstfotografie ist?

 

Ehe ich dazu komme, möchte ich Ihnen Amédé Ackermann kurz vorstellen, denn seine Werke sind der Anlass für diese Frage.

1991 in Neuss geboren, lebt und arbeitet Amédé derzeit in Kaarst. Sein Studium des Fotodesign hat er in 2012 an der Deutschen Pop Akademie zu Köln abgeschlossen. Er kann auf eine Reihe von Ausstellungen verweisen und ist darüber hinaus im Kunstverein Kunst.Neuss e. V. engagiert. 2020 wurde seine Arbeit mit dem Kunstförderpreis der Stadt Neuss ausgezeichnet.

 

Nun also zum Unterschied zwischen „Hab ich kurz abgelichtet“ und der Kunstfotografie.

Fotografieren können heißt, sehen können. Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn Fotografieren können heißt, sehen können, und dann das Gesehene sichtbar machen – durch Bildmittel wie Perspektive, Ausschnitt etc., aber auch durch das digitale Nachbearbeiten verdichtet der Kunstfotograf, was er sieht – und vor allem, wie er es sieht.

Eine Kunst-Fotografie erkennen können heißt, sehen können. Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn, eine Kunst-Fotografie erkennen können, heißt, sehen, was sichtbar gemacht werden soll. Und das ist selbst schon beinahe wieder eine Kunst. Warum?

Die künstlerische Fotografie ist vielleicht die anspruchsvollste Form des ästhetischen Ausdrucks – weil sie so selbstverständlich geworden ist. Eine wahre Sintflut von Fotografien rauscht jeden Tag über uns hinweg – Werbeplakate, Kataloge, WhatsApp, und da waren wir noch gar nicht auf Instagram. Fotos sind überall, und jeder besitzt eine zahllose Menge davon. Das Foto ist längst zum Massenartikel geworden. Vielleicht auch, weil man sein „kulturelles Potential“ nicht auf den ersten Blick erkennt – selbst das der echten Kunst-Fotografie.

Ein Ölgemälde ist ganz fraglos ein Gemälde, selbst aus Laienhand erkennbar ein Stück Kultur – auch die ungeübte Betrachterin erkennt die Farbspuren auf der Leinwand, den bearbeiteten Marmor oder Beton oder den Druck auf Bütten als ein Artefakt. Die feinen Hinweise darauf aber zu erkennen, was in einem Foto sichtbar gemacht werden soll – dafür braucht man ein geschultes Auge. Fotografien sind wir nämlich geneigt, vorbehaltlos zu glauben – sie geben vor, dokumentarisch zu sein, sagen uns „Das ist so.“

„Das ist so“ wird bei Amédé Ackermann zu einem „So könnte es sein“. Ebenso wie die Zukunftvision, die er uns in seiner fotografischen Serie „3030“ sichtbar macht, so sein könnte. Der erste Hinweis auf ein künstlerisches Artefakt.

 

Auch Amédé Ackermann bearbeitet seine Bilder. Vorher, aber auch nachher – das ist sein künstlerischer Ansatz. Und genau hier liegt der Unterschied von Hab ich kurz abgelichtet und künstlerisch anspruchsvollem Fotografieren. Der Moment, den die Fotografie auffängt, ist nur das Rohmaterial. Der künstlerische Blick manifestiert sich in der Wahl der Perspektive, der Komposition und der Belichtung – gleich vor Ort oder eben in der anschließenden Bearbeitung.

Die Arbeiten, die Sie hier sehen, sind Fotomontagen, digital nachbearbeitete Schüsse. Amédé entnimmt einzelne Teile – oft Architekturen, aber auch Darstellungen von Menschen und Tieren – aus ihrer ursprünglichen, man könnte sagen „natürlichen“ Umgebung, und versetzt sie in einen neuen Bildzusammenhang. Bis zu zehn Einzelfotos verbindet er so zu etwas Neuem – und formuliert dabei physikalische Gesetzmäßigkeiten für diese neue Bildwelt, etwa die Perspektive oder den Fall von Licht und Schatten. Diese müssen nicht naturalistisch sein, aber sie müssen stimmig sein. Das bedeutet, sie erschaffen ein Narrativ, das funktioniert. Und das ist es, was den künstlerischen Blick ausmacht: Das Verschieben der Parameter zugunsten einer ästhetischen Absicht.

 

Gleich hinter mir, in der Apsis, finden Sie die Arbeit „Paulus 2“. Im Narrativ der hier ausgestellten Serie 3030 – BACK ON EARTH, und im optischen Zusammenklang mit dem sterndurchsetzen Dunkel des Weltalls interpretieren wir das Konstrukt, das wir erblicken, als Raumschiff. Wenn wir wissen, dass es sich dabei „in Wahrheit“ um die Außenansicht der Weckhovener St. Paulus-Kirche handelt, entwickeln wir ein Verständnis für Amédés Arbeitsweise und das, was mit dem „künstlerischen Blick“ der Fotografie gemeint ist.

„Wenn wir nochmal neu anfangen könnten, die Erde zu besiedeln,“ fragt Amédé, „würden wir es wieder so verbocken?“ Die Serie führt uns eine Zukunftsutopie vor, ein Gedankenexperiment, in dem der Mensch als Sternenreisender unseren blauen Planeten betritt und ihn im wahrsten Sinne des Wortes sieht wie zum ersten Mal. Er hat jetzt die Chance, ihn als das Geschenk zu erkennen, das er ist: ein Ort, der ihm Zuflucht und eine Lebensgrundlage bietet – den Nährboden einer Zivilisation: eine Zukunft.

Dieser Gedanke fügt sich in die Zeit des Kirchenjahres, zu der wir hier zusammenkommen: Jetzt brechen seine letzten Wochen an, denn schon im Advent, nicht ganz entsprechend unserem Kalender, beginnt das neue Kirchenjahr. Ein Ende beinhaltet auch immer einen neuen Anfang – Zeit also, zu gedenken und Zeit zu be-denken: Wie möchten wir mit diesem Geschenk umgehen, das uns gemacht ist – unserem blauen Planeten, einem Lebensraum von verschwenderischer Schönheit, in dem man durchaus etwas Göttliches erkennen kann?

Kein Zufall also, dass das Raumschiff „eigentlich“ die Außenwand einer Kirche ist: Glauben als Metapher für den Anfang. Glauben als Metapher einer – auch gedanklichen – Reise.

Was begegnet uns in 3030 – BACK ON EARTH? Eine Kirche als Raumschiff. Eine blühende Landschaft unter einer Atmosphärenkuppel. In der Spiegelung seines Helmvisiers wird die Landschaft, die ihn umgibt, zum Antlitz des Astronauten –zu einem Teil von ihn, zu seiner Identität.

In seinen Bildwelten setzt Amédé also ganz bewusst auch fantastische Akzente – und das Fantastische (zu dem im Übrigen eben auch die Science Fiction zählt) ist nichts anderes als die metaphorische Reformulierung des Realen, das bildliche Kondensat der Wirklichkeit. Amédé sagt selbst: „Ich liebe es, neue Welten zu erschaffen und versuche durch meine Bilder immer etwas zu erzählen.“

Ich möchte Sie einladen, diese Welten zu besuchen, die Amédé uns in seinen Bildern zugänglich macht. Seien Sie wie dieser Astronaut (Sie finden ihn im Werk DAY ONE) und betrachten Sie das, was Ihnen so vertraut entgegenscheint, mit den Augen eines Sternenreisenden – als hätten Sie es nie zuvor gesehen. Lassen Sie sich überraschen, was Amédé Ihnen zu zeigen vermag, wenn Sie das Visier des Alltagsblicks einmal hochklappen. Und be-denken Sie dabei auch den spannenden Titel dieses Werkes. Über den ersten Tag der Schöpfungsgeschichte heißt es unter anderem: „Gott schied das Licht von der Finsternis“ (Genesis 1,5). In Amédé Ackermanns DAY ONE ist es bereits Licht. Es geht nun aber darum, in diesem Licht auch etwas zu erkennen – Tag eins vielleicht einer neuen Geschichte für diese unsere Schöpfung.

Vielen Dank. 

 

Dr. Laura Flöter



Donnerstag, 21. Oktober 2021

Amédé Ackermann – Zukunft | Blick in die Ausstellung

 












„In dieser Zukunftsutopie beschäftige ich mich mit der Frage, wie unsere Welt in tausend Jahren aussehen könnte. Dabei setze ich meinen Fokus auf die Fragen, welchen Raum der Mensch in seiner Umwelt einnimmt, wo der Platz für die Menschen auf einer veränderten Erde sein könnte und was zukünftige Generationen neu erlernt oder bewahrt haben.“

 Améde Ackermann













Fotos: Améde Ackermann











Mittwoch, 20. Oktober 2021

Ingo Helmes: ein letzter Blick in die Ausstellung











Ein letzter Blick in die Ausstellung Zeit der Ernte | Zeit der Farben von Ingo Helmes, diesmal mit „normaler“ Position von Altar und Bestuhlung. 

























 

Vorschau: Amédé Ackermann – Zukunft

 














































Freitag, 24. September 2021

Ingo Helmes | Zeit der Ernte, Zeit der Farben – Einführung von Marlies Blauth

 


 




 

Liebe Gäste!


Es gibt keine richtige Art, die Natur zu sehen. Es gibt hundert.

(Kurt Tucholsky)


Und gleich noch eine – ungefähre – Zahl: Es gibt Millionen von Farbnuancen, die wir tatsächlich auch unterscheiden können.

Die Wahrnehmung des farbigen Alltags ist allerdings – scheinbar – so selbstverständlich, dass wir oft nicht genau hinsehen; zur Verständigung reichen eigentlich die Namen der Grundfarben.

Anders ist es, wenn wir etwas Farbiges aussuchen, sei es ein Kleidungsstück oder etwas für die Wohnung. Dann wird deutlich, dass Rot nicht gleich Rot ist und selbst Schwarz in vielen Ausprägungen vorkommt. Wir erkennen dabei auch, dass verschiedene Materialien, verschiedene Oberflächen in ihrer Farbigkeit unterschiedlich wirken. Es gibt genormte Farben, und trotz gleicher Farbnummer sehen sie – je nach Untergrund – ungleich aus. Plötzlich entdecken wir Details.

Auch Farbveränderungen nehmen wir intensiver wahr. In der Dämmerung ziehen sich die Farben zurück, werden grau, und es gibt Besonderheiten: Rottöne werden plötzlich dunkel, während sich Grüntöne aufhellen. Eine rätselhafte Welt am Abend!

Vor allem aber ist es die jetzige Jahreszeit, der Herbst, der für fulminant sich verändernde Farbeindrücke steht: Die Wälder werden für kurze Zeit bunt, zeigen sich in lodernden Gelb- und Rottönen. Ähnliche Farbwechsel, die uns genau hinsehen lassen, kennen wir von der Reifung der Früchte, deren Färbung bei der Frage, ob man sie schon pflücken und essen sollte, durchaus eine Rolle spielt. Hier ist das Noch-Grüne meistens weniger aromatisch, man wartet lieber noch bis zum Gelb, Orange oder Rot.

Wobei die Äpfel oft „wie gemalt“ oder angemalt aussehen, wie mit Pinselstrichen.

Und hier bin ich an jenem Schnittpunkt angelangt, der uns zu dieser Ausstellung hier in der Kirche mit Arbeiten von Ingo Helmes führt: Zeit der Ernte – Zeit der Farben.

Ingo Helmes, Jahrgang 1974, ist ausgebildeter Fotograf. In seiner künstlerischen Fotografie – die hier nicht zu sehen ist – geht es ihm auch schon nicht um Abbildungen einer „gewohnten“ Wirklichkeit, sondern er fokussiert Details, Strukturen und Texturen, vielfach aus der Natur, eine Farbe herrscht oft vor. Aus seiner abstrahierenden fotografischen Sicht folgte die Malerei, die er hier nun zeigt: Feine Nuancen bilden sensible Gefüge mit verschiedenem Kolorit. Dabei geht er selbst immer wieder auf Entdeckung: Einfachen Mitteln – das ist ihm wichtig –, einfacher Abtönfarbe „aus dem Baumarkt“ entlockt er ein riesiges Spektrum an Farbigkeit. Ja, es ist die Serie (vor allem im Raum nebenan nachvollziehbar, dort hängen 15 serielle Papierarbeiten). Wie ein Orchester klingt die Gruppe zusammen, während die Einzelbilder alle ihre Eigenheiten haben: Man erkennt die verschiedensten Arten des Farbauftrags – mit dem Pinsel gemalt, gestrichen, getupft; aufgetropft ohne Pinsel; stellenweise wieder abgenommen, abgewischt. Manchmal ist die Farbe deckend, manchmal durchscheinend, also verdünnt aufgebracht.




Nicht immer wird Farbe angemischt (so wie viele es noch aus Schulzeiten mit dem Farbkasten und den Mischnäpfchen kennen). Farbmischungen kann auch unser Auge durchführen – das nennt man dann folgerichtig optische Farbmischung:

Rasterpunkte oder Pixel werden, bei entsprechender Auflösung oder Entfernung (Plakate), als Farbfläche in ihrer Mischfarbe empfunden. Das haben uns Ende des 19. Jahrhunderts die sogenannten Pointillisten, beispielsweise Seurat und Signac, bereits malerisch vor Augen geführt. Punktartige Farbaufträge in feinen Abstufungen führen zu Licht- und Schatteneindrücken.

Auch nach transparentem Aufbringen von mehreren Farben übereinander nehmen wir die Mischfarbe wahr: Man kennt das Phänomen von farbigen Trinkgläsern, in die ein farbiges Getränk gefüllt wird. Blaues Glas mit Orangensaft: gar nicht gut, wer möchte schon graubraunen Saft trinken? Allerdings finden wir es schön, wenn transparente Papiere, vielleicht zu Sternen und Blüten zusammengeklebt, ans Fenster montiert sind und dort, wo sie übereinander liegen, jeweils eine „neue“ Farbe und so eine oft ungeahnte Vielseitigkeit generieren.

Das sind Prinzipien, die der Künstler Ingo Helmes aufnimmt und erforscht: ihn interessieren Übergänge, Verläufe, Schnittmengen und kleinste Unterschiede und Abweichungen. 

Fotografie heißt ja eigentlich „Zeichnen (oder Malen) mit Licht“ – doch warum sollte es sich allein auf die chemischen Prozesse beziehen, bei denen sich lichtempfindliche Substanzen wandeln? Wir sagen, dass man etwas „bei Licht besehen“, also genauer hinschauen sollte. Ingo Helmes spricht vom Dialog der Farben. Hier, im Kirchenraum, können wir gut die Verbindung der meist blautonigen Bilder mit der Kirchendecke erkennen. Bilder „sprechen“ ja auch immer mit ihrer Umgebung. Da diese stets auch Farben hat – es gibt ja sogar unterschiedliche Weißtöne –, ist es nicht nur ein Dialog der Bilder untereinander, sondern auch mit ihrer Umgebung.




Da der Künstler einen, wie er sagt, minimalistischen Denkansatz verfolgt – er will zum Wesentlichen, Eigentlichen vordringen –, lasse ich die Symbolik der Farben hier weg. Nur so viel: Wir sprechen von warmen und kalten, von düsteren und leuchtenden Farben (nennen letztere auch freundliche Farben). Farben können nicht nur das Temperaturempfinden beeinflussen, sondern auch auf Gesundheit und Krankheit Einfluss nehmen (siehe Axel Buether, der eine Intensivstation farblich umgestaltet hat, woraufhin die Menge bestimmter Medikamente deutlich reduziert werden konnte). Der Weg vom Puristischen zur Farbsymbolik ist also gar nicht so weit, denn Letztere ist ja nicht einfach definiert, sondern hat als Grundlage emotionale und physiologische Menschheitserfahrungen.

Natürlich haben wir den Titel der Ausstellung so gewählt, dass er sich mit dem nahen Erntedankfest verbinden lässt. Ich habe vorhin schon vom Farbwechsel in der herbstlichen Jahreszeit gesprochen, von der Reifung der Früchte, die durch Farbe erkennbar und ablesbar ist.

Für Ingo Helmes ist seine malerische Arbeit aber zweifellos auch ein Ernten. Auf experimentelle Weise „sät“ er das Farbmaterial auf den Bildträger, sei es Leinwand, sei es Papier. Während seines verschiedenartigen Eingreifens – wozu manchmal auch einfach Abwarten gehört – sieht er ein Bild, eine Bilderserie wachsen und gedeihen.

Und damit auch seine Erkenntnisse, wie Licht und Farbe auf Räume, auf den Menschen und seine Umgebung, einwirken. 

Zum Schluss noch eine Definition. Die Farben aus dem Baumarkt, mit denen Ingo Helmes arbeitet, heißen Dispersionsfarben. In einem Online-Wörterbuch (Google/ Oxford Languages) wird der Begriff der Dispersion so erklärt:

Feinste Verteilung eines Stoffes in einem anderen in der Art, dass seine Teilchen in dem anderen [Stoff] schweben.

Ich glaube, schöner kann man eine Brücke zwischen Technologie und Lyrik kaum bauen – und wollen die Bilder nicht genau das, sich uns mitteilen, in Zeit und Raum schwebend?

 

Marlies Blauth





Fotos: Ingo Helmes