Liebe Gäste, lieber Künstler Uli Fern!
Zu jeder Zeit gab es Trends und Hypes.
In der Barockzeit liebte man die Darstellung der Himmelfahrt
in den Kirchen. Vor allem in den katholischen. In Gewölben und Kuppeln war die
Szene des „Auffahrens“ – des Christus oder auch der Maria – malerisch umgesetzt:
dramatisch, illusionistisch und voller Lichteffekte. Kunstvoll wurde eine
Verbindung zum Himmel hergestellt, zum Paradies: so, als öffne sich das
Himmlische für den Moment, wenn die heiligen Personen – gegen alle Schwerkraft
– hinaufschweben in die Ewigkeit.
Das menschliche Sehen wurde regelrecht gefoppt: die Darstellungen
spielen mit perspektivischen Raffinessen, changieren zwischen realen und
gemalten Architekturelementen usw.
Heute würden wir solche Darstellungen mitunter Fakes nennen.
Aber Vorsicht: Unsere Zeit steht der barocken Bilderflut in
nichts nach, im Gegenteil: nie gab es so viele bildliche Darstellungen wie
jetzt.
Himmelfahrt … kann es so etwas geben?
Die englische Sprache unterscheidet zwischen „sky“ und „heaven“. Das bringt uns dem Gedanken der Himmelfahrt vermutlich etwas näher – denn gemeint ist natürlich nicht der physikalische Himmel, sondern der metaphysische.
In einem Vorgespräch mit dem Künstler Uli Fern erinnerten wir uns beide daran, wie unsere Großmütter uns erzählten: „Dort oben wohnt der liebe Gott. Der beschützt uns.“
Ja, das war wohl noch typisch für viele Generationen. Für ein
kleines Kind erscheint diese Aussage meist plausibel, später empfindet man sie
eher romantisierend und sogar naiv.
Allerdings fällt auf, dass viele Menschen, die betonen, nicht an Gott zu glauben, hin und wieder äußern, das Universum habe es beispielsweise gut mit ihnen gemeint. Und da sind wir plötzlich mittendrin im metaphysischen Himmel! Denn hier ist mit „Universum“ ganz gewiss nicht die Lichtbrechung durch die Erdatmosphäre gemeint – und schon gar nicht die Wolken, die aus Wassertröpfchen und Eiskristallen bestehen und uns immer wieder andere Bilder über der Landschaft bescheren.
Das Universum, so es denn (in der Vorstellung einiger) in unser
Schicksal eingreift, ist jedenfalls das „Dahinter“, das, was wir nicht sehen.
Nun ist das Blau des Himmels allerdings eine sehr besondere Farbe. Es ist die Farbe, die am „tiefsten“ wirkt, also einen Eindruck von Unendlichkeit vermittelt. Wenn wir auf einem Berg oder jedenfalls auf einer Anhöhe stehen und ins Weite blicken können, sehen wir – sofern wir es uns bewusst machen –, dass die Farben in der Ferne „verblauen“, also blauer erscheinen. Leuchtendes Rot kommt nur im Vordergrund vor, während sich im Hintergrund alles in Richtung Blau-Töne bewegt.
Den Himmel mit Unendlichkeit zu verbinden, braucht also
gar nicht das Wissen, dass das All, das Universum tatsächlich grenzenlos ist,
sondern es ist bereits farbpsychologisch begründet. Ein strahlend blauer Himmel
bietet einen ganz anderen, tieferen Raum als ein bleiern wolkenverhangener.
Auch wenn die Himmelfahrtsdarstellungen in den Kirchen irgendwann aus der Mode kamen – vielleicht hier und da noch durch eine schwebende Christusfigur angedeutet wurden, dies dann auch im evangelischen Bereich –, so kommt das Blau des Himmels immer wieder mal vor.
Auch hier in unserem Kirchraum müssen wir nur nach oben blicken:
Wir sehen eine Holzdecke, in vielen Blau-Nuancen gestrichen.
Und in einigen anderen Kirchen, oft aus dem 19. Jahrhundert, finden wir blau bemalte Gewölbe, teils mit goldenen Sternen.
Die Theatralik des Barock verlor sich also, übrig blieben sozusagen abstrahierte Reste – mit denen wir heutzutage mehr anfangen können als mit der Fülle illustrativer Bilder.
Und dieser Gedanke brachte mich dazu, eine Ausstellung mit Uli Fern Himmels- und Wolkenbildern in unsere Kirche zu bringen.
In 23 Jahren „Kunst in der Apsis“ haben wir nie auf den Feiertag
Christi Himmelfahrt geblickt.
Das ist einerseits eigenartig, andererseits doch nicht verwunderlich: Der „Vatertag“ stellt den christlichen Feiertag mittlerweile in den Schatten. Zwar haben die Bier-Bollerwagen keine Verbindung mehr mit dem ursprünglichen Inhalt, die Ausflüge in die Natur aber doch. Prozessionen durch die Frühlingslandschaften gibt es heute noch, daraus entstanden die Wanderungen und Streifzüge durchs Gelände – die jedenfalls eines ausdrücken: Freude und Freiheit.
Der barocke Überschwang ist da gar nicht weit weg: Warum auf die
„Party im Himmel“ warten, wenn man sie schon auf Erden haben kann?
Himmelfahrt ist ein Abschied, ein endgültiger, aber versöhnlicher – man weiß Christus an der „richtigen Stelle“ bei „Gott im Himmel“, so wie die Oma es schon geschildert hat. Und das bedeutet: Happy End der Geschichte. Die österliche Freude noch einmal anders, beides mit starkem Bezug zur lebendigen Natur.
„Stundenlange Rennradfahrten mit Freunden am Niederrhein. Cumuluswolken und strahlend blauer Himmel. Sonnenschein, warmes Klima, Wohlbefinden.“ So erzählt Uli Fern über seine Touren in die Natur.
Wir haben die Ausstellung Momente und Ewigkeit genannt.
In
der Erinnerung an die stimmungsvollen Ausflüge, die der Künstler hier
schildert, schwingt der Wunsch mit:
So sollte, möge es immer bleiben. Aber das ist bekanntlich unrealistisch, trügerisch, denn möglicherweise „frischt bald Wind auf und kühlt Beine und Arme. Dunkle Regenwolken kommen entgegen.“ Die gefühlte Ewigkeit kippt um, wird vielleicht zu unangenehmen Momenten.
„Stimmungen und Wolkenbilder ,“ so der Künstler weiter, „versuche ich nun seit etwa 25 Jahren im Atelier umzusetzen. Diese Bilder über, vor und unter uns – wenn man aus dem Flugzeug blickt – haben es mir angetan. Tageszeiten, Jahreszeiten, Wetter, ein ständiger Wechsel von Licht, Form und Farbe“. Manchmal glaube man, in den Wolkenformationen Lebewesen oder Gegenstände zu entdecken.
Muss
die Freiheit wohl grenzenlos sein
[…]
Und
dann
Würde
was uns groß und wichtig erscheint
Plötzlich
nichtig und klein“
Da ist sie wieder, die Transzendenz, die Begeisterung, die Verschiebung der alltäglichen Relationen – die in den barocken Malereien enthalten ist, aber auch heutzutage Künstler und Künstlerinnen inspiriert, sich in ihren Werken von Momenten, Raum und Zeit zu lösen.
Und diese Gedanken, ja Sehnsüchte haben seit Jahrhunderten in Kirchen ihren Platz – vermittelt durch Worte und Bilder.
Uli
Fern lebt und arbeitet in Meerbusch.
Ich wünsche einen inspirierten Gang durch die Ausstellung, schöne Momente mit
einem Hauch Gedanken an Ewigkeit. Vielen Dank!
Marlies Blauth
