Sonntag, 31. Mai 2026

Sonntagabend um sechs – zum Nachlesen

 





Ein paar Gedanken zur Frage, warum es heutzutage so schwer scheint zu glauben

 

„Du sollst nicht glauben, sondern wissen!“ –

Bestimmt bin ich nicht die Einzige, die das zu Schulzeiten immer wieder gehört hat. So verständlich die Aussage ist – 2 x 2 ist nun mal vier, da gibt es nichts zu glauben –, so geringschätzig geht sie allerdings auch mit dem Glauben um: Der ist, bestenfalls, zweitrangig. 

Schlechter Religions- und Konfirmandenunterricht hat bei mir leider das Gegenteil von dem bewirkt, was er eigentlich wollte: Den Glauben näher bringen und festigen.

Ich hatte lange damit zu tun, danach wieder „aufzuforsten“.

Drei Gedanken möchte ich nennen, die ich hilfreich fand:

– Glaube ist geheimnisvoll und damit ein völlig anderer Level als Wissen

– es ist interessant zu sehen, wie Menschen durch Jahrhunderte, Jahrtausende ähnliche Probleme meistern mussten wie wir heute

– die Vorstellung, dass Gott Mensch geworden ist, um eine Existenz wie die unsere selber zu durchleben (und bekanntlich in sehr extremer Form, jedenfalls am Ende)

Geheimnis des Glaubens“ – so heißt es in der (katholischen) Messliturgie. Mir hat dieser Wortlaut sofort gefallen. Diese Formulierung beinhaltet für mich nämlich auch, dass es keine Maßstäbe für einen „richtigen“ Glauben geben kann. Und da fällt mir sogleich Martin Luther ein, der betont hat, dass Gott den Menschen aus Gnade annimmt und nicht wegen irgendwelcher Leistungen. Also auch nicht prüft, ob jemand buchstabengetreu glaubt oder nicht. Wenn das überhaupt geht.

Viele von uns haben verinnerlicht, was der Satz „Du sollst nicht glauben, sondern wissen!“ betont. Ist es nicht auch erstrebenswert, sein Leben möglichst zu planen, zu „konstruieren“ wie die Statik einer Brücke? Follow the scienceFolge der Wissenschaft! heißt es aktuell immer wieder. Folglich passen Glaubensinhalte wie Auferstehung, Jungfrauengeburt, Wundergeschichten so recht nicht in unsere Gegenwart, die ständig nach Beweisen und stichhaltigen Argumenten fragt.

Der ungläubige Thomas ist vermutlich allgemein bekannt: „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Er brauchte also den sicht- und fühlbaren Beweis. Jesus ließ sich sogar darauf ein, ergänzte allerdings: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Ein Satz aus der Psychologie, ja eher „Küchenpsychologie“ heißt: Du musst dir nichts beweisen. Ich finde, diese Aussage ist nicht so plump wie sie auf den ersten Blick wirkt. In Glaubensdingen brauchen wir nichts zu beweisen, wir dürfen einfach: sein.

Das Geheimnis des Glaubens deutet also an, dass es sich um ein Glaubendürfen (und nicht: -müssen) handelt. Auch wenn es heißt „Jeder ist seines Glückes Schmied“, tut es gut, dieses halbgeschmiedete Glück auch mal aus den Händen geben zu dürfen. „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen“ – ob das ein Zitat von Woody Allen ist oder auf einem jiddischen Sprichwort beruht, scheint nicht ganz geklärt, vielleicht stimmt beides. Ich finde das jedenfalls sehr hübsch formuliert.

Vor einigen Jahren (2020) lautete die Jahreslosung: Ich glaube. Hilf meinem Unglauben! (Markus 9,24).

Auch dieser Wortlaut hat mir sofort gefallen – weil auch er etwas „Geheimnisvolles“ in sich trägt: Jene Widersprüchlichkeit, mit der wir tagtäglich zurechtkommen müssen. Widersprüche, die sich verknäueln, die nerven, weil sie sich nur schlecht lösen lassen. Und wie wäre es, die Jahreslosung einmal umzudrehen: Ich glaube nicht, hilf meinem Glauben? Ich nehme fast an, dass es zur Zeit vielen Menschen genau so geht. Dass „Glaube Berge versetzen“ kann, ist vielleicht noch als geflügeltes Wort bekannt.

Es bezieht sich auf Matth. 17, 20: Wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, könnt ihr diesem Berg befehlen: ›Geh von hier nach dort!‹ – Und er wird dorthin gehen. Dann wird für euch nichts unmöglich sein.

Das klingt etwas … skurril. An so einen Glauben kann man nicht glauben, nicht heutzutage.

Aber: So ganz ohne Glauben ist offenbar doch keiner von uns. Denn was wünschen wir uns nicht alles gegenseitig: Eine baldige Genesung, ein schönes neues Lebensjahr, eine gute Zeit. Ohne den Glauben, dass so ein Wunsch irgendetwas bewirkt – auf geheimnisvolle Weise – würden wir ihn ja nicht aussprechen. Ich drück‘ dir die Daumen, ich denk‘ an dich, ich zünde eine Kerze für dich an. Dann glaubt man doch, mit einer göttlichen Energie – oder was immer man dazu sagen könnte – in Verbindung zu treten. Das „Daumendrücken“ kommt übrigens wahrscheinlich aus der römischen Antike und bedeutete u. a. „jemanden in Gedanken (zu) unterstützen.“

Für mich ist das eine ganz schlichte, alltägliche Form von Glaubendürfen, ohne dass man sich das klar macht – aber auch, ohne dass man nennenswert daran zweifelt!

Ich finde es einengend, von Glauben versus Aberglauben zu sprechen – denn da kommt die Frage nach dem „richtigen“ Glauben wieder ins Spiel. Der Zugang der Menschen ist eben unterschiedlich: Der eine braucht etwas Sichtbares, die andere ist lieber abstrakt und in Gedanken unterwegs oder meditativ ins Innen gerichtet; andere wiederum wollen gern sozial aktiv werden.

Was der eine als göttliches Wunder empfindet, sieht die andere vielleicht als banal an. Aber sobald diese beiden sich in einer Formulierung „Was für ein glücklicher Zufall!“ treffen, sehen sie die Unwägbarkeit jenseits des eigenen Engagements – und können sich jedenfalls freuen und dankbar sein.

Ich habe lange nach einem Glaubensbekenntnis gesucht, das auch für Zweifelnde geeignet und nachvollziehbar sein könnte. Hier habe ich einen Text von Dorothee Sölle (der Lyrikerin und Theologin), der ermuntert, aus einer passiven Haltung herauszufinden: 

Hier ist er in einer gekürzten Version, die wir gemeinsam sprechen wollen:

Ich glaube an Gott, der die Welt nicht fertig geschaffen hat wie ein Ding, das immer so bleiben muss. Ich glaube an Gott, der den Widerspruch des Lebendigen will und die Veränderung aller Zustände durch unsere Arbeit.

Ich glaube an Jesus Christus, der Recht hatte, als er an der Veränderung der Zustände arbeitete und darüber zugrunde ging. Ich glaube an Jesus Christus, der aufersteht in unser Leben, dass wir frei werden von Angst und Hass und seine Revolution weiter treiben.

Ich glaube an den Geist, an die Gemeinschaft aller Völker und unsere Verantwortung für das, was aus unserer Erde wird. Ich glaube an den gerechten Frieden, an die Möglichkeit eines sinnvollen Lebens für alle Menschen. Ich glaube an die Zukunft dieser Welt Gottes. Amen

 

Ein „sinnvolles Leben für alle Menschen“. 

Jeder ein Künstler, sagte Joseph Beuys. Einige fanden das lächerlich. Aber wenn man „übersetzt“, dass jede und jeder etwas gut kann, klingt das fast beschämend – denn wir wissen ja, dass nicht alle Menschen die Chance bekommen, ihr Talent herauszufinden und so sinnvoll wie glücklich einsetzen zu können.

Wer „an sich glaubt“ im Sinne einer Verbindung mit Gott, hat allerdings schon einen wichtigen Schritt getan. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“ (Jes 43,1) – nein, da hat niemand ins Handy gesprochen. Aber es ist doch ein wunderbares Bild davon, ernstgenommen zu sein und nicht übersehen zu werden.

Die Talente, die ein Mensch hat, können sich nur auf diese Weise entfalten. Vielleicht gehört zeitweise der Glaube an ein Wunder dazu, auf jeden Fall Dorothee Sölles Verantwortung und Veränderung der Zustände. Und Gottes geheimnisvoller Geist umweht uns unterstützend. Daran glaube ich.

 

Marlies Blauth