Ein
paar Gedanken zur Frage, warum es heutzutage so schwer scheint zu glauben
„Du
sollst nicht glauben, sondern wissen!“ –
Bestimmt
bin ich nicht die Einzige, die das zu Schulzeiten immer wieder gehört
hat. So verständlich die Aussage ist – 2 x 2 ist nun mal vier, da gibt es
nichts zu glauben –, so geringschätzig geht sie allerdings auch mit dem Glauben
um: Der ist, bestenfalls, zweitrangig.
Schlechter
Religions- und Konfirmandenunterricht hat bei mir leider das Gegenteil von dem
bewirkt, was er eigentlich wollte: Den Glauben näher bringen und festigen.
Ich
hatte lange damit zu tun, danach wieder „aufzuforsten“.
Drei
Gedanken möchte ich nennen, die ich hilfreich fand:
–
Glaube ist geheimnisvoll und damit ein völlig anderer Level
als Wissen
– es
ist interessant zu sehen, wie Menschen durch Jahrhunderte, Jahrtausende
ähnliche Probleme meistern mussten wie wir heute
– die
Vorstellung, dass Gott Mensch geworden ist, um eine Existenz wie die unsere
selber zu durchleben (und bekanntlich in sehr extremer Form, jedenfalls am
Ende)
„Geheimnis
des Glaubens“ – so heißt es in der (katholischen) Messliturgie. Mir
hat dieser Wortlaut sofort gefallen. Diese Formulierung beinhaltet für mich
nämlich auch, dass es keine Maßstäbe für einen „richtigen“ Glauben geben kann.
Und da fällt mir sogleich Martin Luther ein, der betont hat, dass Gott den
Menschen aus Gnade annimmt und nicht wegen irgendwelcher
Leistungen. Also auch nicht prüft, ob jemand buchstabengetreu glaubt oder
nicht. Wenn das überhaupt geht.
Viele
von uns haben verinnerlicht, was der Satz „Du sollst nicht glauben, sondern
wissen!“ betont. Ist es nicht auch erstrebenswert, sein Leben möglichst zu
planen, zu „konstruieren“ wie die Statik einer Brücke? Follow the
science – Folge der Wissenschaft! heißt es aktuell
immer wieder. Folglich passen Glaubensinhalte wie Auferstehung,
Jungfrauengeburt, Wundergeschichten so recht nicht in unsere Gegenwart, die
ständig nach Beweisen und stichhaltigen Argumenten fragt.
Der ungläubige
Thomas ist vermutlich allgemein bekannt: „Wenn ich nicht das Mal der
Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der
Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Er brauchte
also den sicht- und fühlbaren Beweis. Jesus ließ sich sogar darauf ein,
ergänzte allerdings: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“
Ein
Satz aus der Psychologie, ja eher „Küchenpsychologie“ heißt: Du musst
dir nichts beweisen. Ich finde, diese Aussage ist nicht so plump wie
sie auf den ersten Blick wirkt. In Glaubensdingen brauchen wir nichts zu
beweisen, wir dürfen einfach: sein.
Das Geheimnis des
Glaubens deutet also an, dass es sich um ein Glaubendürfen (und
nicht: -müssen) handelt. Auch wenn es heißt „Jeder ist seines Glückes Schmied“,
tut es gut, dieses halbgeschmiedete Glück auch mal aus den Händen geben zu
dürfen. „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen“
– ob das ein Zitat von Woody Allen ist oder auf einem jiddischen Sprichwort
beruht, scheint nicht ganz geklärt, vielleicht stimmt beides. Ich finde das
jedenfalls sehr hübsch formuliert.
Vor
einigen Jahren (2020) lautete die Jahreslosung: Ich glaube. Hilf meinem
Unglauben! (Markus 9,24).
Auch
dieser Wortlaut hat mir sofort gefallen – weil auch er etwas „Geheimnisvolles“
in sich trägt: Jene Widersprüchlichkeit, mit der wir tagtäglich zurechtkommen
müssen. Widersprüche, die sich verknäueln, die nerven, weil sie sich nur
schlecht lösen lassen. Und wie wäre es, die Jahreslosung einmal
umzudrehen: Ich glaube nicht, hilf meinem Glauben? Ich nehme fast an, dass es
zur Zeit vielen Menschen genau so geht. Dass „Glaube Berge
versetzen“ kann, ist vielleicht noch als geflügeltes Wort bekannt.
Es
bezieht sich auf Matth. 17, 20: Wenn euer Glaube nur so groß ist wie
ein Senfkorn, könnt ihr diesem Berg befehlen: ›Geh von hier nach dort!‹ – Und
er wird dorthin gehen. Dann wird für euch nichts unmöglich sein.
Das
klingt etwas … skurril. An so einen Glauben kann man nicht glauben, nicht
heutzutage.
Aber:
So ganz ohne Glauben ist offenbar doch keiner von uns. Denn was wünschen wir
uns nicht alles gegenseitig: Eine baldige Genesung, ein schönes neues
Lebensjahr, eine gute Zeit. Ohne den Glauben, dass so ein Wunsch irgendetwas
bewirkt – auf geheimnisvolle Weise – würden wir ihn ja nicht aussprechen. Ich
drück‘ dir die Daumen, ich denk‘ an dich, ich zünde eine Kerze für dich an.
Dann glaubt man doch, mit einer göttlichen Energie – oder was immer man dazu
sagen könnte – in Verbindung zu treten. Das „Daumendrücken“ kommt übrigens
wahrscheinlich aus der römischen Antike und bedeutete u. a. „jemanden in
Gedanken (zu) unterstützen.“
Für
mich ist das eine ganz schlichte, alltägliche Form von Glaubendürfen,
ohne dass man sich das klar macht – aber auch, ohne dass man nennenswert daran
zweifelt!
Ich
finde es einengend, von Glauben versus Aberglauben zu sprechen – denn da kommt
die Frage nach dem „richtigen“ Glauben wieder ins Spiel. Der Zugang der
Menschen ist eben unterschiedlich: Der eine braucht etwas Sichtbares, die
andere ist lieber abstrakt und in Gedanken unterwegs oder meditativ ins Innen
gerichtet; andere wiederum wollen gern sozial aktiv werden.
Was der
eine als göttliches Wunder empfindet, sieht die andere vielleicht als banal an.
Aber sobald diese beiden sich in einer Formulierung „Was für ein glücklicher
Zufall!“ treffen, sehen sie die Unwägbarkeit jenseits des eigenen Engagements –
und können sich jedenfalls freuen und dankbar sein.
Ich
habe lange nach einem Glaubensbekenntnis gesucht, das auch für Zweifelnde
geeignet und nachvollziehbar sein könnte. Hier habe ich einen Text von Dorothee
Sölle (der Lyrikerin und Theologin), der ermuntert, aus einer passiven Haltung
herauszufinden:
Hier
ist er in einer gekürzten Version, die wir gemeinsam sprechen wollen:
Ich
glaube an Gott, der die Welt nicht fertig geschaffen hat wie ein Ding, das
immer so bleiben muss. Ich glaube an Gott, der den Widerspruch des Lebendigen
will und die Veränderung aller Zustände durch unsere Arbeit.
Ich
glaube an Jesus Christus, der Recht hatte, als er an der Veränderung der
Zustände arbeitete und darüber zugrunde ging. Ich glaube an Jesus Christus, der
aufersteht in unser Leben, dass wir frei werden von Angst und Hass und seine
Revolution weiter treiben.
Ich
glaube an den Geist, an die Gemeinschaft aller Völker und unsere Verantwortung
für das, was aus unserer Erde wird. Ich glaube an den gerechten Frieden, an die
Möglichkeit eines sinnvollen Lebens für alle Menschen. Ich glaube an die
Zukunft dieser Welt Gottes. Amen
Ein
„sinnvolles Leben für alle Menschen“.
Jeder
ein Künstler, sagte Joseph Beuys. Einige fanden das lächerlich. Aber wenn
man „übersetzt“, dass jede und jeder etwas gut kann, klingt das fast beschämend
– denn wir wissen ja, dass nicht alle Menschen die Chance bekommen, ihr Talent
herauszufinden und so sinnvoll wie glücklich einsetzen zu können.
Wer „an
sich glaubt“ im Sinne einer Verbindung mit Gott, hat allerdings schon einen
wichtigen Schritt getan. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“ (Jes 43,1) –
nein, da hat niemand ins Handy gesprochen. Aber es ist doch ein wunderbares
Bild davon, ernstgenommen zu sein und nicht übersehen zu werden.
Die
Talente, die ein Mensch hat, können sich nur auf diese Weise entfalten.
Vielleicht gehört zeitweise der Glaube an ein Wunder dazu, auf jeden Fall
Dorothee Sölles Verantwortung und Veränderung der
Zustände. Und Gottes geheimnisvoller Geist umweht uns unterstützend. Daran
glaube ich.
Marlies Blauth