Meine Damen und Herren, lieber Herr
Krieger,
erst Tag und Nacht ergeben einen ganzen
Tag und Berg und Tal eine Landschaft. Und Saat und Ernte, Werden und Vergehen
einen Jahreskreislauf. Erst Unterschiedliches, Diverses ergibt ein Ganzes.
Auch das Kirchenjahr, nach dessen Themen
bei Kunst in der Apsis Ausstellungen kuratiert werden, ist divers aufgebaut.
Beginnt es mit Advent und Weihnachten, thematisiert also mit der Geburt Jesu
das Werden eines Menschen, so endet es im November mit dem Totensonntag und
thematisiert die Vergänglichkeit von uns Menschen. Eben Saat und Ernte, Werden
und Vergehen. Wir haben hier keine bleibende Stadt heißt dazu
korrespondierend der Titel Ihrer Ausstellung, Herr Krieger.
Als ich das Triptychon in der Apsis sah,
dachte ich zunächst, das passt. Grau und düster gehalten evoziert es für mich
zunächst eine morbide Stimmung von Traurigkeit bis Trauer. Ob das Ihre
Intention war, weiß ich natürlich nicht.
Dann dachte ich: Ja, nicht nur Menschen
welken und vergehen wie Blumen, sterben also, auch Gebäude tun es. Durch
Nicht-Pflege und Verfall, durch Abrissbirne und Abrissbagger.
Wo einmal ein mehr oder weniger
markantes Gebäude stand, ist plötzlich eine Baugrube oder eine planierte Brache.
Und ziemlich schnell kann man vergessen, was da ehemals stand. Und ihre
Stätte weiß nichts mehr von ihr, heißt es in Psalm 90.
Mein dritter Gedanke war:
Der Totensonntag hat bei uns
Evangelischen noch einen anderen, meist übersehenen Namen. Er heißt auch
Ewigkeitssonntag und soll so einen Blick nach vorn wagen.
Der Titel Ihrer Ausstellung Wir haben
hier keine bleibende Stadt ist ein Teilzitat aus dem Hebräerbrief. Der
Bibelspruch lautet aber, vollständig zitiert: Wir haben hier keine bleibende
Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Wie beim Ewigkeitssonntag geht es
letztlich auch hier um einen Blick nach vorn, um einen suchenden Blick. Wir
würden ja gern wissen, was kommt, worauf wir hoffen und hinleben können. Wo
aber bleibt bei diesem Triptychon dieser suchende bis hoffnungsvolle Blick nach
vorn?
Das sind natürlich Gedanken eines
Kunstfreundes und nicht eines Kunstfachmanns. Gedanken eines Theologen, dem
unwillkürlich die biblischen Bezüge einfallen. Gedanken eines Pfarrers, der
ganz utilitaristisch übererlegt, was er bei diesen Bildern für seine
Verkündigung verwenden könnte.
Aber keine Sorge, ich will hier nicht
missionieren. Doch die Frage „Was folgt auf unsere Vergänglichkeit“, die
berührt auch in einer immer säkularer werdenden Welt viele Menschen und nach
meiner Erfahrung auch Künstlerinnen und Künstler. Die ja wohl auch hoffen, dass
ihre Werke bleiben, sie selbst über ihre Werke nicht in Vergessenheit geraten,
gleichsam überleben werden. Vergänglichkeit ist emotional schlecht auszuhalten.
Kunstschaffende wollen ja nicht nur
abbilden, was sie sehen, sondern letztlich hinter dem, was man vordergründig
sieht, schauen. Sonst brauchten sie ja nur zu knipsen, und ihre Werke wären für
die Tonne.
Mein Eindruck ist vielmehr: Sie wollen
etwas vermitteln. Sie stellen Fragen. Sie öffnen neue Sichtweisen nicht nur auf
Gebäude wie hier, sondern auch auf gesellschaftliches Miteinander. Und da
treffen sich dann unsere Intentionen, künstlerische Ziele und theologische
Hermeneutik.
Aber zurück zur Ausstellung. Nach dem
Triptychon habe ich mir die Bilder nebenan angesehen. Bis auf eines Osterather
Gebäude, kolorierte urbane Zeichnungen.
Ja, dachte ich, das sind sie, zumindest
einige, die für mich zum Osterather Ortsbild gehören. An denen man fast täglich
vorbeiläuft und denkt: Ja, hier gehöre ich hin. Diese Gebäude bieten
Orientierung und damit Sicherheit. Sie sind Identifikationspunkte. Gäbe es sie
nicht mehr, es würde uns hier etwas fehlen.
Die jetzige Volkshochschule, in der
vielleicht ganz alte Osterather noch gelernt haben. Der Turm von St. Nikolaus,
vor dem der Wochenmarkt stattfindet und daran erinnern könnte, dass Einkauf und
Kirchgang einmal wie selbstverständlich zusammen zum Alltagsleben gehörten.
Farbenfroh haben Sie, Herr Krieger, wie
die alte Schule die ehemalige Metzgerei an der ehemaligen Hauptkreuzung des
Dorfkerns koloriert. Dort wurde mancher Schwatz gehalten, zumal die Familie
Radmacher stark im örtlichen Vereinswesen verwoben war.
Das ist leider schon lange her. Und
Neues, Bleibendes ist noch nicht entstanden. Mit den traurig heruntergelassenen
grauen Rollläden assoziierte ich sofort die Verödung unserer Innenstädte und
die Ratlosigkeit, wie man außer durch Kneipen wieder Kommunikation,
menschlichen Austausch erzielen könnte. Nicht aneinander grußlos verbeizugehen,
sondern stehenzubleiben, sich ins Gesicht zu sehen. Wahrzunehmen, was den
anderen, die andere bewegt, auch darauf einzugehen. Ja, das kostet Zeit, aber
die kann man anderen ja auch schenken.
Ihnen ist solches gelungen, Herr
Krieger. Sie haben mir erzählt, dass Menschen Sie bei Ihrem Zeichnen
angesprochen haben. Gefragt haben, was Sie da machen, aber auch erzählt haben,
was sie in und mit diesen Gebäuden erlebt haben.
Eine Episode möchte ich ergänzen, weil
sie auch zur Ortsgeschichte und zum Verhältnis von Evangelischen und
Katholischen gehört. Und wären wir uns vor dem Haus der ehemaligen Bäckerei
Vietz begegnet, so hätte ich Sie Ihnen da schon erzählt.
In den 70ern erzählte mir die damals
schon betagte Frau Vietz, dass sie und ihr Mann in den 30er Jahren das Haus mit
der Bäckerei gekauft und übernommen hätten. Nach ihrem Einzug stand
Samstagabend der Vorbesitzer vor der Tür und erklärte sich bereit, die Familie
am Sonntagmorgen zum Besuch der Messe abzuholen und sie so in die katholischen
Pfarre einzuführen. Als Herr Vietz ihm aber sagte, er sei evangelisch, habe der
geantwortet: Wenn ich das gewusst hätte, dass Sie evangelisch sind, dann hätte
ich nicht an Sie verkauft. Sprachs und verschwand. – Mit Gebäuden verbinden
sich Lebens- und Dorfgeschichten. Auch solche, die wir heute zum Glück
überwunden haben.
Viele Geschichten könnte wahrscheinlich
die Bockstation erzählen. Erbaut mit Pferdestall 1638 ist es das älteste
Gebäude Osteraths. Im 18. Jahrhundert wurden hier die Pferde der Postkutschen
nach Paris gewechselt. Und der Legende nach besaßen nach dem 1. Weltkrieg die
Bewohner den einzigen Ziegenbock im Dorf – und so kamen die Besitzer von
weiblichen Tieren häufiger vorbei, um diese decken zu lassen. Daher der Name
Bockstation.
Heute, restauriert, ist es ein fesches
Wohnhaus und zeugt davon, dass durch Transformation Altes und Neues in Einklang
gebracht werden können. Die Bockstation jedenfalls hat eine Zukunft.
Und damit komme ich zurück zum
Triptychon. Wo aber bleibt, habe ich eben gefragt, bei dem Triptychon der
suchende bis hoffnungsvolle Blick nach vorn?
Vielleicht interpretiere ich zu viel in
die drei Bilder hinein, aber ich meine, diesen Blick zu sehen. Jedenfalls deute
ich die rechte Bildtafel so. Zwar grau und düster, aus Nebel und dem Dunkel der
Zukunft auftauchend, sind moderne Häuserblocks zu sehen. Über den Geschmack
kartongleicher Hausblöcke im Kontrast zum Jugendstil-Abbruchvilla mag man
streiten, aber Neues entsteht. Die Vision einer neuen Stadt. Es geht weiter.
Die Zukunft erscheint offen.
Die Vision einer neuen Stadt gibt es
auch in der Bibel. Im letzten Buch der Bibel, im Buch der Offenbarung des
Johannes, kommt in einer Vision das himmlische Jerusalem zur Erde.
Siehe da, die Hütte Gottes bei den
Menschen . . . Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod
wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn
das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache
alles neu!
Sie kennen den Text wahrscheinlich. Er ist reine
Poesie. Die Offenbarung des Johannes beschreibt, wie alles vergeht. Und öffnet
einen anderen Horizont jenseits der eigenen Erfahrungen. Christliche Hoffnung,
so Johannes, beginnt dort, wo unsere Hoffnung an sich endet.
Wir haben hier keine bleibende Stadt, das stimmt. aber die zukünftige suchen wir. Eine
Bleibe, in der es sich human leben lässt. Darauf hinzuarbeiten,
das bleibt unsere Aufgabe, die Aufgabe von Kunstschaffenden, von Predigenden,
von Städteplanern. Eine lohnende Aufgabe. Sie, Herrn Krieger, haben uns dafür
die Augen geöffnet. Vielen Dank.
Dank auch Ihnen, die Sie mir zugehört
haben, für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Geduld.
Falk Neefken