Donnerstag, 29. Oktober 2026

Volker Krieger | Wir haben hier keine bleibende Stadt ... – Einführungsvortrag

 







Meine Damen und Herren, lieber Herr Krieger,

 

erst Tag und Nacht ergeben einen ganzen Tag und Berg und Tal eine Landschaft. Und Saat und Ernte, Werden und Vergehen einen Jahreskreislauf. Erst Unterschiedliches, Diverses ergibt ein Ganzes.

Auch das Kirchenjahr, nach dessen Themen bei Kunst in der Apsis Ausstellungen kuratiert werden, ist divers aufgebaut. Beginnt es mit Advent und Weihnachten, thematisiert also mit der Geburt Jesu das Werden eines Menschen, so endet es im November mit dem Totensonntag und thematisiert die Vergänglichkeit von uns Menschen. Eben Saat und Ernte, Werden und Vergehen. Wir haben hier keine bleibende Stadt heißt dazu korrespondierend der Titel Ihrer Ausstellung, Herr Krieger.

Als ich das Triptychon in der Apsis sah, dachte ich zunächst, das passt. Grau und düster gehalten evoziert es für mich zunächst eine morbide Stimmung von Traurigkeit bis Trauer. Ob das Ihre Intention war, weiß ich natürlich nicht.

Dann dachte ich: Ja, nicht nur Menschen welken und vergehen wie Blumen, sterben also, auch Gebäude tun es. Durch Nicht-Pflege und Verfall, durch Abrissbirne und Abrissbagger.

Wo einmal ein mehr oder weniger markantes Gebäude stand, ist plötzlich eine Baugrube oder eine planierte Brache. Und ziemlich schnell kann man vergessen, was da ehemals stand. Und ihre Stätte weiß nichts mehr von ihr, heißt es in Psalm 90.

Mein dritter Gedanke war:

Der Totensonntag hat bei uns Evangelischen noch einen anderen, meist übersehenen Namen. Er heißt auch Ewigkeitssonntag und soll so einen Blick nach vorn wagen.

Der Titel Ihrer Ausstellung Wir haben hier keine bleibende Stadt ist ein Teilzitat aus dem Hebräerbrief. Der Bibelspruch lautet aber, vollständig zitiert: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Wie beim Ewigkeitssonntag geht es letztlich auch hier um einen Blick nach vorn, um einen suchenden Blick. Wir würden ja gern wissen, was kommt, worauf wir hoffen und hinleben können. Wo aber bleibt bei diesem Triptychon dieser suchende bis hoffnungsvolle Blick nach vorn?

Das sind natürlich Gedanken eines Kunstfreundes und nicht eines Kunstfachmanns. Gedanken eines Theologen, dem unwillkürlich die biblischen Bezüge einfallen. Gedanken eines Pfarrers, der ganz utilitaristisch übererlegt, was er bei diesen Bildern für seine Verkündigung verwenden könnte.

Aber keine Sorge, ich will hier nicht missionieren. Doch die Frage „Was folgt auf unsere Vergänglichkeit“, die berührt auch in einer immer säkularer werdenden Welt viele Menschen und nach meiner Erfahrung auch Künstlerinnen und Künstler. Die ja wohl auch hoffen, dass ihre Werke bleiben, sie selbst über ihre Werke nicht in Vergessenheit geraten, gleichsam überleben werden. Vergänglichkeit ist emotional schlecht auszuhalten.

Kunstschaffende wollen ja nicht nur abbilden, was sie sehen, sondern letztlich hinter dem, was man vordergründig sieht, schauen. Sonst brauchten sie ja nur zu knipsen, und ihre Werke wären für die Tonne.

Mein Eindruck ist vielmehr: Sie wollen etwas vermitteln. Sie stellen Fragen. Sie öffnen neue Sichtweisen nicht nur auf Gebäude wie hier, sondern auch auf gesellschaftliches Miteinander. Und da treffen sich dann unsere Intentionen, künstlerische Ziele und theologische Hermeneutik.

Aber zurück zur Ausstellung. Nach dem Triptychon habe ich mir die Bilder nebenan angesehen. Bis auf eines Osterather Gebäude, kolorierte urbane Zeichnungen.

Ja, dachte ich, das sind sie, zumindest einige, die für mich zum Osterather Ortsbild gehören. An denen man fast täglich vorbeiläuft und denkt: Ja, hier gehöre ich hin. Diese Gebäude bieten Orientierung und damit Sicherheit. Sie sind Identifikationspunkte. Gäbe es sie nicht mehr, es würde uns hier etwas fehlen.

Die jetzige Volkshochschule, in der vielleicht ganz alte Osterather noch gelernt haben. Der Turm von St. Nikolaus, vor dem der Wochenmarkt stattfindet und daran erinnern könnte, dass Einkauf und Kirchgang einmal wie selbstverständlich zusammen zum Alltagsleben gehörten.

Farbenfroh haben Sie, Herr Krieger, wie die alte Schule die ehemalige Metzgerei an der ehemaligen Hauptkreuzung des Dorfkerns koloriert. Dort wurde mancher Schwatz gehalten, zumal die Familie Radmacher stark im örtlichen Vereinswesen verwoben war.

Das ist leider schon lange her. Und Neues, Bleibendes ist noch nicht entstanden. Mit den traurig heruntergelassenen grauen Rollläden assoziierte ich sofort die Verödung unserer Innenstädte und die Ratlosigkeit, wie man außer durch Kneipen wieder Kommunikation, menschlichen Austausch erzielen könnte. Nicht aneinander grußlos verbeizugehen, sondern stehenzubleiben, sich ins Gesicht zu sehen. Wahrzunehmen, was den anderen, die andere bewegt, auch darauf einzugehen. Ja, das kostet Zeit, aber die kann man anderen ja auch schenken.

Ihnen ist solches gelungen, Herr Krieger. Sie haben mir erzählt, dass Menschen Sie bei Ihrem Zeichnen angesprochen haben. Gefragt haben, was Sie da machen, aber auch erzählt haben, was sie in und mit diesen Gebäuden erlebt haben.

Eine Episode möchte ich ergänzen, weil sie auch zur Ortsgeschichte und zum Verhältnis von Evangelischen und Katholischen gehört. Und wären wir uns vor dem Haus der ehemaligen Bäckerei Vietz begegnet, so hätte ich Sie Ihnen da schon erzählt.

In den 70ern erzählte mir die damals schon betagte Frau Vietz, dass sie und ihr Mann in den 30er Jahren das Haus mit der Bäckerei gekauft und übernommen hätten. Nach ihrem Einzug stand Samstagabend der Vorbesitzer vor der Tür und erklärte sich bereit, die Familie am Sonntagmorgen zum Besuch der Messe abzuholen und sie so in die katholischen Pfarre einzuführen. Als Herr Vietz ihm aber sagte, er sei evangelisch, habe der geantwortet: Wenn ich das gewusst hätte, dass Sie evangelisch sind, dann hätte ich nicht an Sie verkauft. Sprachs und verschwand. – Mit Gebäuden verbinden sich Lebens- und Dorfgeschichten. Auch solche, die wir heute zum Glück überwunden haben.

Viele Geschichten könnte wahrscheinlich die Bockstation erzählen. Erbaut mit Pferdestall 1638 ist es das älteste Gebäude Osteraths. Im 18. Jahrhundert wurden hier die Pferde der Postkutschen nach Paris gewechselt. Und der Legende nach besaßen nach dem 1. Weltkrieg die Bewohner den einzigen Ziegenbock im Dorf – und so kamen die Besitzer von weiblichen Tieren häufiger vorbei, um diese decken zu lassen. Daher der Name Bockstation.

Heute, restauriert, ist es ein fesches Wohnhaus und zeugt davon, dass durch Transformation Altes und Neues in Einklang gebracht werden können. Die Bockstation jedenfalls hat eine Zukunft.

Und damit komme ich zurück zum Triptychon. Wo aber bleibt, habe ich eben gefragt, bei dem Triptychon der suchende bis hoffnungsvolle Blick nach vorn?

Vielleicht interpretiere ich zu viel in die drei Bilder hinein, aber ich meine, diesen Blick zu sehen. Jedenfalls deute ich die rechte Bildtafel so. Zwar grau und düster, aus Nebel und dem Dunkel der Zukunft auftauchend, sind moderne Häuserblocks zu sehen. Über den Geschmack kartongleicher Hausblöcke im Kontrast zum Jugendstil-Abbruchvilla mag man streiten, aber Neues entsteht. Die Vision einer neuen Stadt. Es geht weiter. Die Zukunft erscheint offen.

Die Vision einer neuen Stadt gibt es auch in der Bibel. Im letzten Buch der Bibel, im Buch der Offenbarung des Johannes, kommt in einer Vision das himmlische Jerusalem zur Erde.

Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen . . . Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

Sie kennen den Text wahrscheinlich. Er ist reine Poesie. Die Offenbarung des Johannes beschreibt, wie alles vergeht. Und öffnet einen anderen Horizont jenseits der eigenen Erfahrungen. Christliche Hoffnung, so Johannes, beginnt dort, wo unsere Hoffnung an sich endet.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, das stimmt. aber die zukünftige suchen wir. Eine Bleibe, in der es sich human leben lässt. Darauf hinzuarbeiten, das bleibt unsere Aufgabe, die Aufgabe von Kunstschaffenden, von Predigenden, von Städteplanern. Eine lohnende Aufgabe. Sie, Herrn Krieger, haben uns dafür die Augen geöffnet. Vielen Dank.

Dank auch Ihnen, die Sie mir zugehört haben, für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Geduld.

 

Falk Neefken