© Kai Hackemann
Liebe Gäste,
ich freue mich, heute
wieder einmal einen ganz besonderen Künstler begrüßen zu dürfen: Kai Hackemann.
Ich schicke ein paar Angaben aus seiner
Biografie voran:
Jahrgang 1958, aufgewachsen im Taunus,
Studium der Kunsterziehung und Kunstgeschichte in Mainz, später dann ein
Studium an der Kunstakademie Düsseldorf (Freie Malerei bei Prof. Crummenauer),
Lehrauftrag für Radierung an der Universität Dortmund.
Heute lebt er in Willich und arbeitet in
Düsseldorf (Atelier).
Seine Arbeiten befinden sich zahlreich
in öffentlichen und privaten Sammlungen – und seine Ausstellungsliste ist
beeindruckend. Seine Arbeiten wurden und werden in vielen Museen, Galerien und
Kunstvereinen gezeigt, so mehrfach in der „Großen“ Kunstausstellung NRW im
Ehrenhof Düsseldorf.
Das Thema „Zeit der Reife“ ist,
selbstverständlich, ein Hinweis auf die aktuelle Jahreszeit, den späten Sommer
und den frühen Herbst, und mit Blick auf das Kirchenjahr: die Erntedank-Zeit.
Aber es sagt auch etwas darüber, wie der
Künstler sein Werk einordnet – in seine eigene, besondere Schaffens-Vita.
Ich möchte aber zunächst ganz woanders
beginnen – nämlich in der Zeit der Renaissance und des frühen Barock. Damals,
vor etwa 500 Jahren, war es üblich – wenn die Mittel dafür vorhanden waren – so
genannte Kunst- und Wunderkammern anzulegen. Das waren Sammlungen von
Gegenständen, die interessant und besonders erschienen. Übrigens waren das die
Vorläufer von Ausstellungen und Museen.
Innerhalb dieser Sammlungen konnte man
vor allem unterscheiden zwischen den Artificialia (also den
künstlerischen, menschengemachten Dingen) und den Naturalia (Objekten
aus der Natur, gern aus Übersee, es war eine Zeit der Entdeckungen).
Innerhalb der Kunst, vor allem in den
Stillleben spielte zu jener Zeit die Symbolik eine wichtige Rolle: Blumen,
Musikinstrumente / Noten, Uhren, Glaskugeln, mitunter auch Knochen und Schädel,
aber eben auch Früchte wiesen auf die Vergänglichkeit des Irdischen hin:
Memento mori – bedenke, dass du sterben musst.
Gleichzeitig forderte die Fülle, die
Pracht der Welt auf, davon zu „pflücken“, solange der Mensch am Leben ist:
Carpe diem, pflücke, genieße, nutze den Tag.
Bei den Gegenständen aus der Natur,
diesen pflanzlichen und tierischen Relikten, sollte zwar auch der Gedanke an
die Vergänglichkeit mitklingen, andererseits besaßen sie auch einen nicht
unwichtigen Grad an Abstraktion – nämlich dadurch, dass vieles rätselhaft,
unbekannt und damit nicht benennbar war. Man fand es einfach schön – wegen
seiner Materialität, seiner Farben, seiner Strukturen.
Wie sollte ein Stillleben der Jetztzeit
aussehen? Als sich Kai Hackemann mit dieser Frage beschäftigte, sah er zunächst
– ganz ähnlich wie die Maler der Renaissance – auf den „Zeitraum zwischen
höchster Reife und beginnendem Zerfall“, und zwar mit Seitenblick auf die
Vergänglichkeit von Pracht und Luxus, also auch auf deren fraglichen Nutzen.
Immer wieder, durch alle Jahrhunderte,
gab und gibt es freiwilligen Verzicht, Askese – nicht ohne die Absicht, zu
einer geistigen Reife zu gelangen, indem man den materiellen Dingen bewusst
weniger Bedeutung beimisst.
Wenn Kai Hackemann in seinen Stillleben
Früchte in verschiedenen Zuständen auf ein Bild bringt – appetitlich aussehende
liegen neben vertrockneten, keimenden, angeschimmelten – macht er die
Veränderung gleichsam als Prozess erkennbar.
In seinen feinen Darstellungen von
Gemüse und Obst, detailliert ausgestaltet mit Aquarell und Farbstift, zeigt er
Zwiebeln, Paprika, Granatäpfel, Zitronen, Pflaumen – im Nebeneinander von
„idealer“ Ästhetik und der Ästhetik des Zerfalls (ja, das kennt man: Auch
Zerfalls- und Zersetzungsprozesse können schöne neue Farben generieren) bekommt
der Gedanke der Renaissance-Maler noch einmal ein Update, sehr schön
nachvollziehbar für uns, 500 Jahre später.
Wo verorten wir die Kunst? Sie gehört
einerseits zu den „irdischen Dingen“, die dem Zerfall ausgesetzt sind: Kunst
selbst kann verblassen, verwittern (sogar auch verschimmeln), sie kann
vergessen oder zerstört werden.
Wenn Kunst entsteht, bedient sie sich
folgerichtig an der irdischen Fülle: sie schöpft aus der Unendlichkeit von
Formen, Farben und Materialien. Künstler und Künstlerinnen haben jeweils ihre
eigene „Wunderkammer“ an Handwerkszeug, Material, Erfahrungen, Ideen, Gedanken:
Kunst ist eben doch nicht nur „irdisch-vergänglich“, sondern berührt immer auch
eine höhere, nicht-materielle Ebene. Denn: Sie bildet ja nicht nur Sichtbares
ab, sondern macht sichtbar (Paul Klee), wenn sie gut ist. Sie repetiert
nicht nur, sondern schafft etwas, was über die Alltagswirklichkeit hinausweist.
Fragen die dabei entstehen, führen nicht
selten in die Abstraktion. So auch bei Kai Hackemann. Zwischen seinen
Stillleben und seinen abstrakten Arbeiten liegen circa zwanzig Jahre – der
allmählichen Abstraktion, schließlich intensiviert in den letzten drei Jahren.
Der künstlerische Verweis auf die Dingwelt ist eben nicht unbedingt nötig, man
kann Prozesshaftigkeit, das Einwirken von Zeit auch allein durch Material,
Farben und „die Abfolge der Arbeitsschritte“ sichtbar machen. Die Technik des
Aquarells – gleich ob mit Aquarellfarbe oder Acrylfarbe – bietet sich im
übrigen bestens an, um einen Prozess ins Bild zu bringen: Man fasst genau das
ja sogar sprachlich, wenn man sagt, dass die Farbe (ver-)läuft. Laufen,
zerlaufen ist ein Vorgang. Hier im Kirchraum ist das, vor allem im Bild links
am Taufbecken, geradezu „explosiv“ eingesetzt, erinnert an Vorgänge in der
Natur, wie sie einen Anblick, einen Ausblick ganz plötzlich verändern, durch
Wetterwechsel oder aber im Frühling.
Im Saal nebenan finden wir zusätzlich
besonders dynamische Formen: Sie wirken jeweils wie ein wirbelnder Ausschnitt
aus einer Abfolge von Wahrnehmungen. Das ist so, sobald sich etwas bewegt.
Manchmal tut es sogar gut – ich erinnere
an die „Naturalia“ in den Wunderkammern – etwas nicht benennen zu müssen,
sondern in der Rätselhaftigkeit, im Mystischen zu belassen. Heutzutage – ich
schweife für einen Moment ab – werden wir (digital) überflutet von Worten und
Bildern. Aber diese unzähligen „Status“-Fotos und Kommentare weisen eben nicht
über ihre kurze Existenz hinaus, sie bilden einfach den Moment ab und treten in
einen merkwürdigen Wettbewerb mit Tausenden ähnlicher Bilder.
Der Künstler Kai Hackemann spricht von
einem Abwechseln zwischen „sozusagen informeller Herangehensweise und immer
wieder kontrollierendem Eingriffen“. Oder, anders formuliert: Es handelt sich
immer auch um das Wechselspiel zwischen Erfahrung und Experiment, zwischen dem
Wissen und Können, das sich innerhalb der künstlerischen Biografie gleichsam
angesammelt hat – und einer Neugier, die mit ihrer Lebendigkeit die
verschiedenen Zeitebenen verbindet. Für Kai Hackemann greift der Faktor Zeit
also unmittelbar ein, er wird nicht nurmehr dargestellt wie auf jenen
Renaissance-Stillleben.
Aber wenn wir uns noch einmal an die
Jahrhunderte alten Darstellungen erinnern: Da sind auch Musikinstrumente
dargestellt. Hackemanns Arbeiten in der Zeit, mit der Zeit, ähnelt ja gerade
auch dem Charakteristischen der Musik: Klänge des Augenblicks verändern sich
permanent zu dem, was nachfolgt. Vielleicht kann man Hackemanns Malerei
tatsächlich als eine Art Orchester sehen, das klanglich-zeitlich zusammenwirkt,
immer wieder andere Konstellationen schafft und dennoch gemeinsam eine
Komposition bildet. Die abstrakten Werke könnte man also auch Bild gewordene
Klänge der Veränderung nennen.
In Spätsommer und Herbst –
jahreszeitlich gesehen, aber auch im „Lebensherbst“ des Menschen – finden wir
die Polarität des Vergänglichkeitsgedankens und des „Carpe diem“
enthalten. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr./ Wer
jetzt allein ist, wird es lange bleiben. heißt
es in Rilkes Gedicht „Herbsttag“. Ja, die Wucht des Sommers ist vorüber, aber
Hackemann stellt den melancholischen Gedanken Rilkes einen anderen Aspekt
gegenüber: Die Zeit der Reife. Sie kann sogar in den Winter reichen. Es gibt
Früchte, die erntet man erst nach dem ersten Frost: beispielsweise Schlehen.
Alles hat seine Zeit. Und so sind wir, alle, nicht nur dankbar für die Ernte
der essbaren Früchte, sondern auch die Ernte jeder Anregung, Erfahrung und
Lebensreife. Kunst trägt genau dazu bei. Vielen Dank!
Kai Hackemann

