Freitag, 6. Februar 2015

Arbeitszeit – Anatol Herzfeld / Frank Merks































Vernissage Anatol Herzfeld/ Frank Merks: Arbeitszeit – Wir tragen das Kreuz in die Kirche


„Anatol hat so viel Fantasie“, sagt Erdmute Herzfeld, seine Frau und Begleiterin über viele Jahrzehnte, mehrfach. Das ist teils voller Bewunderung gemeint, wenn er beispielsweise im Kirchenraum sitzt und eine kunstvolle Skizze aufs Papier zaubert, teils eine Erklärung dafür, wenn er erzählt und erzählt, durch unendliche Erinnerungsgefilde schweift und zwischendurch wieder Gegenwärtiges assoziiert. Ja, das Vernissagepublikum hatte es nicht immer leicht. Pfarrer Saß, der das Künstlergespräch zwischen Anatol Herzfeld und Frank Merks behutsam moderierte, tat das Richtige: Er gab Anatol viel Raum – nicht nur für seine Worte, sondern auch für die Kunst. Eine Stuhlreihe wurde aus der Kirche entfernt, ein Kerzentisch umgestellt, denn Anatols Objekte sind groß.

Im Mittelpunkt das liegende Kreuz, eine Gemeinschaftsarbeit mit Frank Merks: Mit seinen Rollen wirkt es wie ein Gerät, das auf seinen Einsatz wartet. Für eine Kunstaktion? Oder erinnert es an seine Funktion von damals, nämlich Folter- und Mordinstrument zu sein? Das Kreuzsymbol, das weltweit als christliches Zeichen verstanden wird, ist gleichsam zurückgeholt zu seinen Ursprüngen. Krone und Strahlenkranz unterstützen die Ambivalenz zwischen erhabenem Symbol und schrecklicher Bestimmung: Die zeichenhafte Krone wird eingerahmt von spitzigen Metallstäben, die deutlich das Motiv der Dornenkrone aufnehmen.
„Jeder trägt ein Kreuz“, antwortet Anatol auf die Frage, warum er sein eigenes Portrait und das von Frank Merks auf jeweils ein Kreuz montiert hat (wir sehen sie an den Seitenwänden der Kirche). Und das Triptychon über der Kanzel heißt „Das Leiden“; Malerei auf Holz von Anatol, links das Ja, rechts das Nein, dazwischen ein Gefängnis. Die Darstellung lässt Erinnerungen an ein bestimmtes Gebäude in seiner ostpreußischen Heimat anklingen, in dem Gefangene gefoltert wurden. Die Kriegserlebnisse haben Anatols Leben und Werk deutlich geprägt, Jasagen, Neinsagen – wie oft ist es zumindest schmerzhaft, wenn nicht sogar vernichtend.

Das zweiteilige Objekt am Glasfenster links, zwei im Prinzip gleiche Stühle (noch einmal eine Gemeinschaftsarbeit Anatol Herzfeld/ Frank Merks), solle sich auf die Ehe beziehen, so Anatol. Ja, und ganz sicher mit direktem Blick auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau: Die thronähnlichen Stühle – aus Holz, das eine Weile in einem Stausee in Surinam gelegen hat und dadurch von besonderer Qualität ist – sind nämlich gleich groß. Auf je einer grünen, teils dekorativen, teils eindringlichen Scheibe ist ein figürliches Symbol angebracht, auf der einen ein Mann, auf der anderen eine Frau. Das Archaische dieser Sitzmöbel und das Wissen, dass es in der Welt nach wie vor meistens der Mann ist, der auf dem Thron sitzen darf, während es viel zu vielen Frauen immer noch verwehrt ist, verleihen dem Kunstwerk märchenhafte Züge.

In der Apsis befindet sich eine Arbeit von Frank Merks: Die Bücher der „Buchreligionen“. Sie beeindrucken, weil man erst beim genauen Hinsehen erkennt, dass sie aus Holz sind. Ja, aus demselben oder zumindest ähnlichem Holz geschnitzt – in den gerade aktuellen, stellenweise wieder aggressiver werdenden Diskussionen durchaus ein Gedanke, den es sich zu denken lohnt. Denn es bleibt uns doch nichts anderes, als friedlich mit Menschen anderer Kulturen und Religionen an einem Tisch zu sitzen und unsere „heiligen Bücher“ friedlich nebeneinander zu positionieren.

Etwas versteckt und unscheinbar befindet sich das gabelförmige Kruzifix von Frank Merks zwischen Osterkerze und Taufbecken. Hier finden wir eine völlig andere Auffassung als beim großen liegenden Kreuz: ein geglättetes Fundstück oder Treibholzstück, das, sieht man genau hin, in seiner Mitte einen Christuskopf birgt. Zwischen all den anderen, rechtwinklig betonten Objekten wirkt dieses kleine Kruzifix wie ein winterlicher Baum, im Begriff, bald weiterzuwachsen und neue Knospen zu treiben, wie als Bestätigung dafür, dass Karfreitag nicht das Ende, sondern Ostern ist der Anfang ist.





Marlies Blauth






















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