Donnerstag, 18. September 2014

Einführungsrede Sabine Tusche































Sabine Tusche – remember

Ausstellung 14.9. 26.10.2014 in der Ev. Kirche Osterath






Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie sehr herzlich!

Als wir die Ausstellung planten, überlegten, Sabine Tusches gemalte Schalen und Gefäße in der Erntedankzeit zu zeigen, musste ich sofort an das Plakat von Brot für die Welt denken: In einer Schale aus unglasiertem Ton befinden sich ein paar wenige Reiskörner, mehr nicht. Die Zeile darunter lautet: Weniger ist leer.
Dazu passt auch der Titel unserer Ausstellung hier – remember: sich erinnern, an etwas denken, etwas gedenken, sich besinnen. Das Plakat ist ja auch tatsächlich kein Werbeplakat, sondern ein Aufruf, sich zu besinnen und möglichst zu helfen.
Ich möchte diesen Aspekt der ungerechten Verteilung von Nahrungsmitteln in der Welt nicht vertiefen, er ist jedem von uns bekannt; und wir wissen auch, dass wir viel indirekten Einfluss darauf haben, aber wenig direkten. Wenn, wie kürzlich in Bayern, tonnenweise Gurken vernichtet werden (1), weil die Ernte „zu“ gut war, müssen wir das jedenfalls als mangelnde Wertschätzung von Lebensmitteln erkennen.

Die Wertschätzung des Essens ist eng verbunden mit einer Kultur des Essens – auf die wiederum rein praktische Erfordernisse eingewirkt haben: Nahrung muss irgendwie gesammelt, zubereitet, aufbewahrt werden.
Sie alle kennen das weite Spektrum, wie Essgefäße aussehen können: Von der rohen hölzernen Schale bis zum Meissener Porzellan. Und Sie wissen auch, wie oft zur Zeit der Kaffee aus Wegwerfbechern, der Burger direkt aus der Verpackung genossen wird, und Sie werden das mit gemischten Gefühlen ansehen.

Indem Sabine Tusche Schalen und Gefäße malt, lenkt sie unseren Blick, unser „Erinnern“ auf die Jahrhunderte alte Kultur der Ess- und Trinkgefäße – und natürlich auf die Stilllebenmalerei.
Die geistige Nähe zu Giorgio Morandi (1890 – 1964), jenem Stillleben-Maler, der fast nur in Weiß-, Grau- und Beigetönen gemalt hat, und zu Mark Rothko (1903 – 1970), der mit seinen sensibel nuancierten Farbfeldern im ungegenständlichen Bereich zu Hause war, ist unübersehbar. Anders als bei Morandi wird man bei Sabine Tusche auch an das Stillleben der Renaissance erinnert. Bei ihr handelt es sich zwar, im Unterschied zum arrangierten Stillleben, meist um ein einzelnes Objekt (oder jedenfalls sehr wenige), weitab von der gemalten Fülle der Renaissance; ihre symbolische Kraft ist aber ähnlich stark wie bei den alten Stillleben, die man ja auch erst „lesen“ muss.
Ein bevorzugtes Thema der Renaissance war die Vanitas, die Eitelkeit, im Verbund mit der Vergänglichkeit. Das, was wir auf den (rund 450 Jahre) alten Stillleben als Reichhaltigkeit von Gegenständen – Früchte, Blüten, Musikinstrumente usw. – ansehen, war in Wirklichkeit eine Mahnung, wenn man will, auch ein remember, an die Kurzlebigkeit, ans Sterbenmüssen. Musik „verfliegt“ am schnellsten, Früchte verderben, Blüten vergehen.
Sabine Tusches Erinnern,  Gedenken funktioniert eigenartigerweise so, dass sie genau den gegensätzlichen Weg geht: Mit ihren Bildern „mahnt“ sie auch, aber so, dass sie auf das weist, was uns mit unseren Ahnen, was unsere Kultur mit der anderer Zeiten und anderer Orte verbindet; herausgestellt ist hier also das Kontinuum, die Verbindung, weniger die Veränderung.
Durch die Vereinzelung, dazu die deutliche Vergrößerung, verhalten sich Sabine Tusches Schalen und Gefäße einerseits distanziert zu uns und wirken symbolhaft; andererseits ist es gerade ihre Symbolkraft, die wiederum mit uns Betrachtern kommuniziert.
Dabei sind sie deutlich entfernt von einer pictogrammartigen Zeichenhaftigkeit. Vielmehr ist das Mittel eine fotografisch genaue Malerei, die sich um jede einzelne Nuance kümmert, generiert durch verschiedenes Licht zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten. Man könnte sagen: Auch, wenn sich die äußeren Bedingungen ändern, so bleibt der Kern dieser archaischen Gegenstände doch derselbe – weil er sich auf wesentliche Bedürfnisse des Menschen bezieht.

Remember heißt nun auch „etwas behalten“. So kann man sich auch den Menschen als eine Art Gefäß vorstellen; dieses Bild kommt auch in der Bibel vor, Gott als Töpfer, der Mensch als Gefäß (2).
Oder ich erinnere an die alte Gebetshaltung, die nach oben geöffneten Hände, die den Menschen zu einem „offenen Gefäß“ machen, aufnahmebereit für Ideen, Anregungen, Aufbruch, Besinnung. Ja, und auch für Erfüllung.

Sabine Tusches Bilder sind, bei all ihrer Kraft, auch still und „meditativ“.
Es ist natürlich so, dass jemand, der ein Bild betrachtet, Gedanken sammelt und Eindrücke erhält behält – die ihn erfüllen. Die Künstlerin gibt uns in den meisten Fällen keine Auskunft darüber, ob ihre Schalen und Gefäße je in Gebrauch waren oder nicht, ob sie immer leer waren oder ausgeleert wurden, vielleicht gereinigt wurden.

So, wie sie hier präsentiert sind, sehe ich sie wie eine Aufforderung: Wir müssen sie gleichsam mit unseren Gedanken füllen, Erlebtes assoziieren oder unsere Fantasie spielen lassen, was uns angesichts der Leichtigkeit, die die Bilder ja auch ausstrahlen, mühelos gelingen wird.
„Ernte“ kann auch nicht-materiell sein – wer immer irgendwo kulturell unterwegs ist, reist, neugierig ist, wird dies bestätigen.

Noch ein paar biografische Angaben zur Künstlerin: Sabine Tusche stammt aus Düsseldorf (geb. 1961), studierte Visuelle Kommunikation in Krefeld und nahm an der Sommerakademie in Salzburg teil. Einige Jahre arbeitete sie in der Gemälderestaurierung. Heute lebt sie im Süden Düsseldorfs als freie Künstlerin mit den Tätigkeitsfeldern Malerei, Zeichnung und Fotografie. Ihre Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen.

© Marlies Blauth





(2)    Röm 9, 19 ff












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